Wohnheimbetreiber im Interview: „Brauchen Flüchtlingsmanager“ 

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Gastgeber für Flüchtlinge: Johanna und Horst Bornhütter (Mitte hinten) im Kreis von Flüchtlingen aus Afghanistan, Eritrea und Syrien, die in dem Wohnheim an der Kurhausstraße untergebracht sind.

Kassel. Sie kennen den Alltag von Flüchtlingen genau: Johanna und Horst Bornhütter haben im Frühjahr 2014 als erste Privatleute in Kassel ihre Häuser für Asylbewerber geöffnet. Wir sprachen mit dem Paar.

In Harleshausen und Bad Wilhelmshöhe betreiben sie im Auftrag der Stadt zwei Gemeinschaftsunterkünfte mit derzeit 40 Bewohnern. Sie halten einen Flüchtlingskoordinator für nötig, der die umfangreichen Aufgaben in der Flüchtlingsarbeit koordiniert.

Was genau schlagen Sie vor? 

Horst Bornhütter: Was wir derzeit auch in Kassel erleben, ist eine Ausnahmesituation: Es bedeutet eine große Herausforderung, so viele Menschen, die aus fremden Kulturen zu uns kommen, aufzunehmen und vor allem zu integrieren. Das ist eine Mammutaufgabe Was wir brauchen, ist eine Art Flüchtlingsmanager, der die vielen Aufgaben, die anstehen, koordiniert und die Aktivitäten aller Instiutionen, der sozialen Einrichtungen und Ehrenamtlichen einbindet. Denn es wird auf Dauer nicht funktioneren, dass jeder vor sich hinwurschtelt. In Krisenzeiten muss man hierarchische Strukturen und Transparenz schaffen.

Die bisheriger Strukturen mit der Stadt, die die Unterbringung organisiert, und der Caritas für die Sozialarbeit reichen nicht? 

Johanna Bornhütter: Vieles läuft unter den gegebenen Bedingungen sehr gut. Alle Beteiligten geben ihr Möglichstes und arbeiten bis zum Anschlag. Aber was allein an Kulturvermittlung notwendig ist, können die Kommunen unmöglich alleine leisten. Es gibt ja zum Glück eine unglaublich große Bereitschaft von Ehrenamtlichen. Und auf der Seite der Flüchtlinge gibt es einen großen Hilfebedarf. Aber dazwischen ist ein Nadelöhr.

Was meinen Sie damit? 

Johanna Bornhütter: Es ist ein riesiger Aufwand, das Ehrenamt zu koordinieren - hier wird bereits Außerordentliches geleistet. Es ist wichtig, dass systematisch erfasst wird, was die Ehrenamtlichen mitbringen, auch an Qualifikationen, etwa Sprachkenntnisse oder Erfahrung in der Sozialarbeit. Angebot und Nachfrage gilt es dann abzugleichen. Dasselbe ist bei den persönlichen Patenschaften für Flüchtlinge nötig – übrigens ein ganz tolles Modell. Aber längst nicht jeder Flüchtling hat einen Paten. Dabei gibt es noch viele Kasseler, die in den Startlöchern stehen und etwas machen möchten.

Aber es ist schwer, bei der Koordination der vielen Helfer hinterherzukommen. 

Horst Bornhütter: Ja. Einige, die sich als Ehrenamtliche melden, sind schon enttäuscht, weil sie nicht zum Einsatz kommen oder ihre Spenden nicht angenommen werden können. Wir müssen aufpassen, dass das Engagement dann nicht kippt zu Rückzug oder Resignation.

Johanna Bornhütter: Das Heer der Hilfsbereiten kann man nicht auf der Straße stehen lassen. Das Ehrenamt ist das Fundament, auf dem die Integration von Flüchtlingen stattfinden kann. Nur Behörden und Hauptamtliche können das niemals bewältigen. Deshalb ist es ja so wichtig, dass das Ehrenamt gut koordiniert, betreut und beraten wird. Gerade im Hinblick auf die vielen Flüchtlingem die noch kommen werden.

Können Sie aus Ihrer Erfahrung schildern, wo die Flüchtlinge Hilfe brauchen? 

Johanna Bornhütter: Das fängt bei banalen Dingen wie der Mülltrennung, der Verwendung von Putzmitteln oder dem richtigen Heizen an. In den Herkunftsländern macht man das Fenster auf, wenn es zu warm ist. Hier dreht man die Heizung runter. Und natürlich ist Hilfe bei der Sprache und auch der Vermittlung der Werte unserer Gesellschaft nötig. Deutschunterricht allein reicht nicht, sie brauchen auch Gelegenheit die Sprache anzuwenden. Auch bei der Wohnungssuche oder bei Vorstellungsgesprächen für Praktika brauchen viele Hilfestellung. Wir haben schon erlebt, dass ein Paar, das zunächst bei uns untergebracht war, in eine Wohnung zog, die noch keine Heizung hatte. Der Vermieter hat die Ahnungslosigkeit ausgenutzt. Eine gute Betreuung ist Voraussetzung, dass die Menschen sich hier zurechtfinden.

Wie soll die von Ihnen angeregt Koordinationsstelle bezahlt werden? 

Horst Bornhütter: Lassen sie so einen Flüchtlingskoordinator - der übrigens wirklich Managerqualitäten haben muss - ein paar tausend Euro im Monat kosten. Was ist das für eine Summe, wenn es gelingt, System in die Sache zu bringen? Eventuell könnte man auch Spendengeld dafür verwenden. Wenn die Flüchtlinge nicht angemessen begleitet werden, werden viele von ihnen hier nicht alltagstauglich und haben auch keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Das können wir nicht riskieren.

Nach eineinhalb Jahren als Betreiber eines Flüchtlingsheims - würden Sie es wieder tun? 

Johanna Bornhütter: Auf jeden Fall! Es ist so eine Freude zu sehen, wie gerade die Kinder hier einen guten, friedlichen Start ins Leben kriegen. Und mit welcher Vitalität die Menschen, die eine schwere Reise und ein schweres Schicksal hinter sich haben, ihr neues Leben hier angehen.

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