Arbeitsmarktexperte Bonin, Uni Kassel

Interview zu berufstätigen Frauen: „Oft fehlen flexible Arbeitszeiten“

Kassel. In Kassel ist die Quote der erwerbstätigen Frauen mit 45,3 Prozent besonders niedrig – der Bundesschnitt liegt bei 51,8 Prozent. Darüber sprachen wir mit dem Arbeitsmarktexperten Prof. Dr. Holger Bonin von der Uni Kassel.

Was sind die Gründe dafür, dass in Kassel vergleichsweise wenige Frauen berufstätig sind?

Prof. Holger Bonin: Da kommen mehrere Faktoren zusammen: In Städten liegt der Ausländeranteil generell deutlich über dem bundesweiten Schnitt. Das gilt auch für Kassel. Weil die Erwerbstätigkeit von Migrantinnen systematisch niedriger ist als bei deutschen Frauen, drückt das folglich auch die Quote erwerbstätiger Frauen insgesamt. Aber auch die Altersstruktur spielt eine Rolle: Kassel ist ein Uni-Standort. Frauen haben einen hohen Anteil unter den Studierenden, und die sind natürlich nicht so oft beschäftigt. Und auch das Qualifikationsniveau wirkt sich auf die Quote aus: Die besser gebildeten Frauen leben im Landkreis.

…. der mit einer Quote von 53 Prozent viel besser dasteht. 

Bonin: Ja, das erstaunt mich nicht: Auf dem Land leben nicht nur die besser qualifizierten Frauen, die sich dort ein Eigenheim leisten können und zum Arbeiten in die Stadt einpendeln. Auch der Ausländeranteil und die Quote der Geringverdiener sind dort geringer. Und damit auch die Arbeitslosenquote insgesamt.

Wie können in Stadt und Kreis mehr Frauen in Beschäftigung gebracht werden? 

Bonin: Häufig wird an dieser Stelle die Frage nach der Kinderbetreuung gestellt. Ich glaube aber nicht, dass das der zentrale Hebel ist, da hat sich inzwischen viel getan. Generell müssen mehr Jobangebote gemacht werden, die für Frauen attraktiv sind. Wenn Kassel etwa den Bereich Tourismus, der mit dem Welterbestatus an Bedeutung gewonnen hat, ankurbelt, könnten mehr Service- bzw. Dienstleistungsjobs geschaffen werden. Die sind in Kassel nicht sonderlich ausgeprägt und somit auch ein Grund für die niedrige Frauenerwerbsquote. Zudem muss auch die Integrationspolitik auf die Arbeitsmarktferne von Migrantinnen reagieren.

Auffällig ist die Gehaltsdifferenz. In Kassel verdienen Frauen gut 20 Prozent weniger. Haben sie die schlechteren Jobs?

Bonin: In der Tat haben Frauen systematisch die schlechter bezahlten Jobs, das beobachten wir weltweit. Die Schere beginnt mit der Berufswahl: Frauen arbeiten häufig als Friseurinnen, Erzieherinnen, Sprechstundenhilfen.

Tragen Frauen also eine Mitschuld an der Misere? 

Bonin: Die Stereotype sind Schuld - auch bei den Frauen selbst, die sich oft scheuen, sich für andere Arbeitsfelder zu interessieren. Aber auch die Lebensperspektive spielt bei der Berufswahl eine Rolle. Frauen entscheiden sich häufig für Jobs, die mehr Flexibilität bieten, wenn Kinder kommen. Lohnunterschiede prägen sich zwar schon vor der Erziehungspause aus. Je länger aber die Unterbrechung der Karriere dauert, desto deutlicher und langfristiger sind die Gehaltseffekte. Und: Arbeitgeber tun zu wenig für die Weiterbildung von Frauen.

Was kann die Politik gegen das geschlechtsspezifische Lohngefälle unternehmen? 

Bonin: Sie muss Anreize setzen, damit Frauen nicht zu lange dem Job fern bleiben. Es zeichnet sich ab, dass das Elterngeld da nützt. Ob auch das neue Elterngeld Plus dazu beitragen kann, muss sich zeigen. Eine weitere Stellschraube ist die Gestaltung der Minijobs. Denn die sind für Frauen kaum ein Sprungbrett für den Wiedereinstieg in reguläre Arbeit.

Und wie ist es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bestellt?

Bonin: Die Möglichkeiten für Frauen, Teilzeit zu arbeiten, haben sich deutlich verbessert, es fehlt aber häufig noch an flexiblen Arbeitszeiten. Und es arbeiten immer noch sehr wenige Mütter Vollzeit – was auch an der Mentalität liegt. Die überfürsorgliche so genannte Helikopter-Mom ist in Deutschland besonders ausgeprägt. Im europäischen Vergleich sind die westdeutschen Frauen am häufigsten der Meinung, es schade dem Kind, wenn die Mutter erwerbstätig ist. Solche Denkmuster lassen sich allein mit den Mitteln der Politik kaum verändern.

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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