Kasseler Herausgeber der türkischen Zeitschrift Ayna über Kagida und Extremismus

„Ich bin nicht Charlie“

Kassel. Seit Dezember demonstriert jeden Montag die Gruppe „Kassel gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Kagida).

Wie die Kundgebungen auf Muslime wirken, darüber haben wir gesprochen mit Memis Tüfekçi, Herausgeber der türkischen Kultur- und Nachrichtenzeitschrift Ayna.

Herr Tüfekçi, wie bewerten Sie die Demonstrationen von Pegida und dem Kasseler Ableger Kagida? 

Memis¸ Tüfekçi: Ich nehme sie nicht so ernst, die sind heute da und morgen weg. Aber ich finde es notwendig, dass sich die Politik fragt, warum sich immer mehr solche Gruppen gegen den Islam bilden, und dafür Lösungen sucht.

Wie sieht der Großteil der Muslime das nach Ihrer Einschätzung? Verbreiten Pegida und Kagida Angst?

Tüfekçi: Angst würde ich das nicht nennen. Viele Menschen machen sich Sorgen, dass sie immer mehr zur Zielscheibe von Hass und Ablehnung werden. Dafür gibt es auch Gründe: Seit Beginn der Pegida-Demonstrationen gibt es mehr Angriffe auf Flüchtlinge und Migranten. Die Muslime wollen ihr Leben in Deutschland ganz normal in Ruhe führen.

Für Vorbehalte gegenüber Muslimen sorgen Terroranschläge, bei denen sich die Täter auf ihren Glauben berufen. Ist der Terrorismus ein Problem des Islam? 

Tüfekçi: Der Terrorismus ist ein Problem der ganzen Welt. Die Täter töten für sich selbst oder für bestimmte Hintermänner. Terrorismus hat mit der Religion nichts zu tun. Dass der Islam damit gleichgesetzt wird, ist genauso ungerechtfertigt wie der vielfach verbreitete Ruf der Deutschen, denen immer noch in großen Teilen der Welt vorgeworfen wird, sie seien Nazis. Es gibt keine gute und schlechte Bevölkerung, sondern gute und schlechte Menschen.

Sie arbeiten als Journalist. Wie empfinden Sie den Terrorangriff auf das französische Satire-Magazin Charlie Hebdo? 

Tüfekçi: Ich bin ganz klar für die Meinungs- und Pressefreiheit. Das muss sein. Aber man muss auch sehen, dass Charlie Hebdo durch Karikaturen über den Propheten Mohammed religiöse Gefühle verletzt hat – übrigens auch meine als Muslim. Propheten wie Mohammed und Jesus sind für Milliarden Menschen heilig. Da sind Grenzen überschritten worden. Deshalb sage ich: Ich bin nicht Charlie. Aber um das klar zu sagen: Das rechtfertigt nicht, deswegen jemanden zu töten. Das geht gar nicht!

Aber ein Problem mit Extremisten wie den Salafisten gibt es im Islam schon. 

Tüfekçi: Gruppen wie Salafisten sind ein Problem für den Islam, für Deutschland und für die ganze Welt. Solche Gruppen nennen sich Vertreter der Muslime, ihre Handlungen und Interpretation des Islam widersprechen aber dem Koran. Es gibt Stellen im Koran, die man ohne wissenschaftliche Deutung nicht richtig erklären kann. Diese Gruppen interpretieren den Koran falsch nach ihren eigenen, schlechten Zielen.

Wie kann man junge Menschen vor dem Abrutschen in den Extremismus bewahren? 

Tüfekçi: Eine Gefahr sind die Jugendlichen, die ihren Platz in der Gesellschaft in Deutschland nicht finden und sich nicht akzeptiert fühlen. Hier muss man ansetzen, damit sie nicht zu Extremisten werden. Der Islam sollte in ganz Deutschland als Religion anerkannt und in Schulen unterrichtet werden. Viele Deutsche haben keine Ahnung vom Islam. Einerseits durch Terroranschläge, andererseits durch antiislamische Äußerungen von einigen Politikern und Medien kommt dann selbstverständlich Unruhe in der Bevölkerung auf.

Welche Rolle versuchen Sie mit Ihrer Zeitschrift Ayna in der aktuellen Situation zu spielen? 

Tüfekçi: Unser Ziel ist es, unseren Landsleuten beim Leben in unserem Verbreitungsgebiet zu helfen. Uns ist auch wichtig, dass unsere Leser ihre Städte gut kennen. Ein Beispiel dafür ist, dass wir in der Ausgabe im Oktober 2014 über die Bombennacht 1943 in Kassel als Titelthema berichtet haben. Mit Ayna versuchen wir, eine Brücke zwischen der deutschen und türkischen Gesellschaft zu bauen. Ich finde, dass dazwischen bisher eine unsichtbare Mauer steht. Beide Seiten wollen aber diese Mauer durchbrechen. Wir wollen Menschen aus den verschiedenen Kulturen zusammenbringen, damit sie gut zusammen leben. Dazu organisieren wir seit Jahren auch Veranstaltungen, wie vor Kurzem unseren Kulturabend mit einer musikalischen Reise durch Anatolien.

Lesen Sie auch

Politikwissenschaftler Overwien: „Kagida versucht, uns zu spalten“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.