Interview: "Das Geld ist Göker zu Kopf gestiegen"

Kasseler Insolvenzverwalter Westhelle über die Pleite von Mehmet Göker

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Er hat große Pläne mit der MEG und ist tief gefallen: Mehmet Göker fiel am Ende in Kassel vor allem durch seine großen Autos und teure Feste auf.

Kassel. Am Donnerstag beginnt vor dem Kasseler Landgericht der Prozess gegen Mehmet Göker, einst Chef des Versicherungsvermittlers MEG, und den früheren MEG-Vize Vincent Ho.

Göker hat bereits über seinen Anwalt erklärt, dass er nicht zu dem Prozess erscheinen wird. Wir haben über die Pleite des Versicherungsvermittlers mit Dr. Fritz Westhelle, der als Insolvenzverwalter der MEG eingesetzt wurde, ein Interview gefüht.

Herr Dr. Westhelle, wie weit ist das Insolvenzverfahren gediehen und seit wie vielen Jahren dauert es an?

Dr. Fritz Westhelle: Das Insolvenzgericht Kassel hat das Insolvenzverfahren am 1. Januar 2010 eröffnet und ich gehe davon aus, dass wir es im kommenden Jahr abschließen werden.

Warum hat das so lange gedauert?

Westhelle: Ich habe Verfahren, die dauern schon wesentlich länger. In einem Insolvenzverfahren muss man auch den allerletzten Gegenstand verwerten, um die Gläubiger zu befriedigen. Und sei es eine Büroklammer. MEG hat viele Darlehen an Arbeitnehmer vergeben, die zum Beispiel eine Umzugshilfe benötigten.

Sind solche Arbeitnehmerdarlehen üblich?

Der Insolvenzverwalter bei MEG: Das Foto zeigt Dr. Fritz Westhelle, der sich Ende 2009 ein Bild darüber machte, welche Werte in dem Unternehmen an der Falderbaumstraße vorhanden sind. Die Designer-Sakkos hatten ein MEG-Emblem.

Westhelle: Ja, an Arbeitnehmer schon. Unüblich waren hingegen die Darlehen, die den MEG-Vorständen gewährt worden sind. Mehmet Göker selbst hat ein Darlehen in Höhe von über drei Millionen Euro von der MEG bekommen, andere Vorstände im sechsstelligen Bereich. Einige Vorstandsmitglieder haben nach der MEG-Pleite Privatinsolvenz angemeldet, um das Darlehen nicht zurückzahlen zu müssen. Diesen Weg wollten die normalen Arbeitnehmer nicht gehen. Sie zahlen zum Teil noch immer ihre Raten zurück. Erst wenn alle Raten gezahlt sind, kann das Insolvenzverfahren abgeschlossen werden.

In diesem Fall, sind die kleinen Leute mal wieder die Dummen gewesen, oder?

Westhelle: Ja.

Um wie viel Geld geht es insgesamt?

Westhelle: Es geht um 60 Millionen Euro, die insgesamt von 670 Gläubigern gefordert werden. Darunter befinden sich auch viele Einzelhändler aus Kassel, bei denen Göker auf Rechnung der MEG eingekauft hat, um zum Beispiel sein Privathaus einzurichten. Einige Softwareunternehmen sind auf richtig großen Summen sitzen geblieben.

Was werden die Gläubiger zurückbekommen?

Westhelle: Drei bis vier Prozent, das heißt, sie müssen 96 bis 97 Prozent in den Schornstein schreiben.

Was hat Göker bisher zurückgezahlt?

Westhelle: Ich habe in seinem Kasseler Privathaus Gegenstände gepfändet. Für Möbel, einen neuen Kühlschrank und Champagnerflaschen sind rund 10.000 Euro zusammengekommen. Zudem habe ich ausgehandelt, dass Göker 200.000 Euro in die Insolvenzmasse zahlt. Er hatte sich ja für das Drei-Millionen-Euro-Darlehen zwölf Ferienhäuser in der Türkei gekauft. Die waren aber auch schon alle so hoch im Grundbuch durch Darlehen und Banken belastet, dass ich nicht mehr als 200.000 dafür bekommen konnte. Ich habe alles rausgeholt, was rauszuholen war.

In dem Prozess vor dem Kasseler Landgericht geht es ja darum, dass Göker und Vincent Ho Daten gestohlen haben, die in die Insolvenzmasse gehören. Was sind denn diese Daten wert?

Westhelle: Nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens wurde mir für die Kundendaten der MEG von einem Versicherer 1,5 Millionen Euro geboten. Allerdings durfte ich diese dann aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht verkaufen.

Der Anwalt Gökers meint, sein Mandant komme nicht, weil er keinen fairen Prozess zu erwarten habe. Was sagen Sie dazu?

Westhelle: Zu dem Prozess sage ich gar nichts. Ich gehe davon aus, dass Göker nicht nach Deutschland kommt, weil er hier verhaftet würde und ins Gefängnis müsste. Als Privatperson kann ich deshalb verstehen, dass er nicht vor Gericht erscheint.

Sie haben seit Jahren mit der MEG zu tun. Wie oft sind Sie Göker persönlich begegnet?

Westhelle: Zweimal. Einmal kam er völlig verschnupft in mein Büro, er war stark erkältet, und ich habe gehörig Abstand von ihm gehalten, um mich nicht anzustecken. Damals war ich schon als Insolvenzverwalter eingesetzt. Göker sagte zu mir, dass er mich früher eigentlich zum Firmenanwalt der MEG hätte machen wollen. Ich habe ihn schon ziemlich geärgert.

Wie würden Sie Göker charakterisieren?

Westhelle: Er hat am Anfang sehr gute Arbeit geleistet. Die Jungs waren clever und fleißig. Deshalb sind die Versicherer ja auch auf sie aufmerksam geworden, und die MEG bekam die großen Vorschüsse. Wenn Göker das Geld einigermaßen zusammengehalten und stattdessen nicht alles unter die Leute gebracht hätte, dann könnte die MEG heute ein führendes Unternehmen der Versicherungsbranche in Deutschland sein. Göker hätte Großes erreichen können, das Geld ist ihm aber zu Kopf gestiegen. Er musste ja mit einem Rolls-Royce durch Kassel fahren.

Ziemlich Protzig: In die Insolvenzmasse gingen auch MEG-Siegelringe ein.

Haben Sie ein Beispiel für den Größenwahn?

Westhelle: Die Kasseler Sparkasse musste jeden Monat sehen, wie sie für Göker 6000 Fünf-Euro-Scheine zusammenbekommt. Die 30.000 Euro wurden dann in eine Schubkarre gepackt und der MEG-Mitarbeiter des Monats durfte sich daraus so viele Scheine nehmen, wie er am eigenen Körper unterbringen konnte. Taschen waren nicht erlaubt. Das war schon ein Klamauk.

Das Geld hat Göker letztlich ruiniert?

Westhelle: Er hatte ja keine Zeit mehr zum Arbeiten, weil er das viele Geld ausgeben musste. Dafür hat er schlechte Leute eingestellt, die schlechte Abschlüsse gemacht haben. Das führte ja zu den wahnsinnigen Stornos bei der MEG.

Vor Gericht steht ja nun nur Vincent Ho. Hätte dessen Verurteilung irgendwelche Auswirkungen auf das Insolvenzverfahren?

Westhelle: Nein.

Die Geschichte des Mehmet Göker in der Übersicht

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