Über Badezeiten für Frauen und die Kritik am Wunsch der Muslima

Interview mit Islamwissenschaftlerin: Der Koran kennt keine Schwimmbäder

Frauenschwimmen im Hallenbad Süd: Der Wunsch von mehreren Muslima, die Zeiten für Frauen auszuweiten, hat für massive Kritik gesorgt. Durch das Schwimmbad in Oberzwehren kann man auf die neue Moschee mit Minraett schauen. Archivfoto:  Malmus

Kassel. Der Wunsch von muslimischen Frauen aus Kassel, die Zeiten für das Frauenschwimmen im Hallenbad Süd auszuweiten, hat für zahlreiche Reaktionen unter unseren Lesern gesorgt. Selten ist ein Thema so intensiv im Internet kommentiert worden.

Über den Wunsch der Musliminnen und die Reaktionen darauf sprachen wir mit Dr. Agnes Imhof, Islamwissenschaftlerin an der Universität Göttingen.

Schreibt der Koran wirklich vor, dass Frauen nicht mit Männern gemeinsam schwimmen dürfen? 

Dr. Agnes Imhof: Nein, im Koran gibt es natürlich keine Aussagen zur Nutzung von Schwimmbädern, das wäre im 7. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel wohl auch etwas befremdlich. Der Koran greift aber das Thema Keuschheit auf und gibt eher allgemeine Richtlinien zur Kleidung etwa zum Bedecken der primären Geschlechtsmerkmale, also der Genitalien, der sekundären Geschlechtsmerkmale, wie zum Beispiel der weiblichen Brust, oder der Arme und Beine – ähnlich wie auch andere Religionen. Heute werden solche Stellen zur Begründung für das Schwimmverbot herangezogen.

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Aus welchem Grund gibt es dann Musliminnen, die nicht mit Männern ein Schwimmbad teilen wollen/dürfen?

Imhof: Auch in christlichen Gemeinden gibt es ja restriktive Moralvorstellungen. Im Islam sind sie mit dem radikalen Islamismus zum Politikum geworden. Bei den Frauen selbst spielen oft das familiäre bzw. soziale Umfeld, manchmal auch die Ausrichtung der Moschee eine Rolle. Das Thema Geschlechtertrennung wird von Muslimen ja sehr unterschiedlich gehandhabt. Der islamische Religionspädagoge Mouhanad Khorchide etwa versteht den Koran nicht als diktatorisches Gesetzbuch, sondern als Ausdruck göttlicher Liebe und hält ihn für vereinbar mit Toleranz und moderner Lebensweise. Salafisten denken da natürlich ganz anders. Die Kultur der islamischen Welt ist nichts Festgelegtes, sondern hat sich, wie jede andere auch, immer weiterentwickelt. In den letzten Jahrzehnten hat vielerorts die Tendenz zugenommen, die Vorschriften restriktiv auszulegen, aber es gibt auch Gegenbewegungen.

Ist es vielleicht auch möglich, dass islamische Frauen das Schwimmbad als Rückzugsraum vor den eigenen Männern in der Familie betrachten? 

Imhof: In der islamischen Welt spielen Bäder traditionell eine große Rolle, auch als sozialer Treffpunkt. Da gibt es sozusagen den Mädelsabend oder besser:-Vormittag, der sehr offen ist. Deshalb sollte man die Frauen hier nicht allgemein in eine Opferrolle drängen. Allerdings gibt es auch in Deutschland Musliminnen, die in einem sehr restriktiven Umfeld leben. Frauenschwimmen kann da schon ein Angebot sein, um diesem Umfeld zu entkommen. Aus diesem Grund sehe ich reine Frauenöffnungszeiten auch als Beitrag zur Integration. Hier wird Musliminnen die Möglichkeit geboten, Kontakte mit nicht muslimischen Frauen zu pflegen. Der persönliche Kontakt ist das beste Mittel, um Ängste abzubauen. Auf allen Seiten.

Wie muss eine gläubige Muslima in Deutschland leben? Was darf sie, was darf sie nicht?

Imhof: Deutschland versteht sich als säkulares Land. Religion ist hier Privatsache. In der Praxis spielt, wie bereits gesagt, das soziale Umfeld eine Rolle. Es gibt gläubige Musliminnen, die sich nicht explizit muslimisch kleiden und andere, die es tun. Auch die muslimische Theologie ist kein starrer Monolith.

Der frühere Bundespräsident Christian Wulff hat mit der Aussage, auch der Islam gehört zu Deutschland, sich nicht nur Freunde gemacht. 

Imhof: Der Islam ist zweifelsohne ein Teil Deutschlands. Das bedeutet aber auch, dass die Deutungshoheit darüber nicht den Ultrakonservativen überlassen werden darf. Der Islam muss, wie jede andere Religion auch, die eigene Vielfalt tolerieren.

Können Sie sich erklären, warum der Wunsch der Kasseler Musliminnen nach mehr Schwimmzeiten, so hohe Wellen schlägt und auf so massive Kritik stößt? 

Imhof: Radikale Gruppen schüren gezielt Ängste und streben danach, ihre Vorstellungen allgemein durchzusetzen, ob nun Salafisten oder die selbsternannte „Scharia-Polizei“. Solche Gruppen üben auch Druck auf Musliminnen aus, sich diese restriktiven Regeln aufzuerlegen. Vor diesem Hintergrund ist die massive Reaktion auf den Wunsch nach mehr Frauenschwimmzeiten einzuordnen. Er wird als schleichende Islamisierung interpretiert.

Sind die Ängste der deutschen Bevölkerung vor einer Islamisierung Hirngespinste oder gibt es handfeste Gründe dafür? 

Imhof: Radikaler Islamismus und Terror sind ein reales Problem und diese Gruppen gibt es auch in Deutschland. Doch wenn Verstöße gegen das Grundgesetz konsequent geahndet werden, dann sehe ich da keine Gefahr. Und schließlich sind die meisten Muslime keine Islamisten. Man sollte nicht die vielen Migranten vergessen, die dankbar sind, dass sie hier ein Leben führen können, das in ihren Herkunftsländern oft unmöglich (geworden) ist.

Zur Person

Dr. Agnes Imhof (41) ist Islamwissenschaftlerin an der Universität Göttingen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind vor- und frühislamische Poesie, Kultur- und Ideengeschichte der Abbasidenzeit, Religionsgeschichte des Islam, Bildung und Philosophie des arabischen Humanismus. Sie ist Mitglied der Union Européenne des Arabisants et Islamisants. sowie utorin des historischen Romans „Die Königin der Seidenstraße“. Agnes Imhof lebt in Göttingen und München, sie ist verheiratet und hat eine Tochter.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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