Radverkehrsbeauftragte: "Mit Rücksicht funktioniert's"

Darum kann man sich auch in Kassel als Radfahrer sicher fühlen

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Sicher in die Pedale treten: Sylvia Hempelmann nutzt den neuen Radweg an der Schönfelder Straße. Nach dem Umbau fühlt sie sich sicherer im Straßenverkehr.

Kassel gilt als schwieriges Pflaster für Radfahrer. Im Fahrradklima-Test landete die Stadt nur im Mittelfeld. Die Radverkehrsbeauftragte sieht Kassel dennoch auf einem guten Weg.

Macht Radfahren im Stadtverkehr Spaß oder bringt es Stress? Das wollte der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) wissen. 120. 000 Teilnehmer haben 2016 das Fahrradklima in 539 Städten beurteilt. In der jetzt veröffentlichten Studie landet Kassel im Mittelfeld der fahrradfreundlichsten Städten seiner Größe: Platz 17 von 38 und damit drei Plätze schlechter als 2014. Göttingen erreichte in der Kategorie der Städte mit 100.000 bis 200.000 Einwohnern den ersten Rang. Und in Hessen wurde Baunatal fahrradfreundlichste Kommune. Über das Ergebnis sprachen wir mit Anne Grimm. Die Bauingenieurin ist Radverkehrsbeauftragte der Stadt Kassel.

Frau Grimm, sind Sie heute Morgen mit dem Rad ins Rathaus gefahren?

Anne Grimm: (lacht) Heute nicht. Wenn es möglich ist, mach ich das gerne, zumal der Radweg von Niestetal nach Kassel wunderbar abseits des Autoverkehrs zu fahren ist. Aber wenn man zwei von drei Kindern zur Schule nach Kassel bringt, lässt sich das mit dem Rad nicht immer organisieren.

Und wenn Sie aufs Rad steigen – fühlen Sie sich im Stadtverkehr sicher?

Grimm: Ja, ich fühle mich sicher. Ich versuche, vorausschauend zu fahren und Rücksicht zu nehmen, dann gibt es wenige kritische Situationen.

Die Teilnehmer der ADFC-Studie sehen das anders. Das Sicherheitsgefühl erhielt nur die Schulnote 4,5.

Grimm: Ich kann das verstehen. Die Frage ist aber auch: Wer sind die Teilnehmer dieser Studie? Im Radverkehr gibt es so viele verschiedene Gruppen: Alltagsradler, Schüler, Senioren, Freizeitverkehr. Jede Gruppe stellt unterschiedliche Anforderungen an ihre Radverkehrsverbindung. Während einige zügig durch die Stadt fahren wollen, steht bei den anderen die Sicherheit im Vordergrund. Ich selbst habe übrigens auch teilgenommen und die Frage nach der Akzeptanz als Verkehrsteilnehmer schlecht bewertet: Ich bin als Radfahrer nirgendwo willkommen, weder auf der Fahrbahn – da werde ich weggehupt – noch auf dem freigegebenen Gehweg.

Nicht nur das aggressive Klima haben die Studienteilnehmer bemängelt, sondern auch, dass Radwege häufig zugeparkt werden.

Grimm: Das Problem ist uns bekannt, ich ärgere mich als Radfahrerin auch darüber. Wir sind mit dem Ordnungsamt dazu im Gespräch. Zugleich müssen wir bei Autofahrern das Bewusstsein schärfen, nicht die Radwege zuzuparken. Beim Umbau der Friedrich-Ebert-Straße beispielsweise hatten wir Lieferzonen in enger Abstimmung mit den Geschäftsbetreibern eingerichtet – nur hält sich der Lieferverkehr oft nicht daran. Wir wollen die Geschäftsleute anschreiben, dass sie ihre Zulieferer sensibilisieren.

Die Ebert-Straße ist vor allem auch in der Kritik, weil der Radweg nach dem Umbau direkt durch die Haltestelle führt. Eine gute Lösung?

Grimm: Das ist eine häufig gestellte Frage, die uns bei den Planungen umgetrieben hat und die wir mit dem ADFC und der KVG abgestimmt haben. Ja, hier funktioniert es nur mit gegenseitiger Rücksichtnahme: Nähert sich eine Bahn, haben die Fahrgäste Vorrang. Warten sie nur, hat der Radler freie Fahrt. Wir sind hier immer wieder vor Ort und leisten Aufklärungsarbeit und erhalten verstärkt positive Rückmeldungen von Bürgern. In anderen Städten funktioniert es schließlich auch.

Schlechte Noten gab es auch für die Führung des Radverkehrs an Baustellen.

Grimm: Auch das ist ein bekanntes Thema. Der Radverkehr sollte noch stärker ins Bewusstsein von uns Planern rücken. Wenn der Autoverkehr beispielsweise in einer Baustelle über einen Radfahrstreifen geführt wird, stellt sich die Frage nach den Prioritäten: Wer ist dort schützenswert?

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Apropos Radweg: Hier wurden die Wege als häufig zu schmal kritisiert. Sind sie das?

Grimm: Die Bestandswege mitunter, beispielsweise an der Altenbaunaer Straße oder der Kölnischen Straße. Ansonsten gibt es klare Vorgaben: ein Radfahrstreifen beispielsweise ist 1,85 Meter breit, ein Schutzstreifen 1,50 Meter und ein Radweg, der in eine Richtung führt, misst zwei Meter. Alle Neuplanungen orientieren sich daran. Wichtig sind vor allem auch die Sicherheitstrennstreifen zu den geparkten Fahrzeugen.

Was ist mit der Kritik an den Ampelschaltungen für Radler?

Grimm: Da erreichen uns immer wieder Anliegen von Bürgern. Für uns sind die Informationen hilfreich. Oft können wir auch Situationen aufklären. Am Scheidemannplatz beispielsweise müssen Radfahrer warten, während Fußgänger grün haben. Und zwar deshalb, weil der ÖPNV rechts abbiegen könnte. Der Radfahrer muss warten, weil er, anders als der Fußgänger, in einem Rutsch eine Straße quert.

Und wie reagieren Sie auf das Totschlagargument, Kassel ist aufgrund seiner topografischen Lage per se eine fahrradunfreundliche Stadt?

Grimm: Das sehe ich gelassen, wenn ich auf die Entwicklung der Pedelecs schaue: Die wachsen in Kassel rasant. Stichproben auf bestimmten Strecken ergaben, dass ihr Anteil inzwischen bei 12 bis 17 Prozent liegt. Damit kommt man entspannt und ungeschwitzt auch nach Bad Wilhelmshöhe. Und wer ohne Antrieb radelt, dem empfehle ich statt der Wilhelmshöher Allee die Goethestraße zu fahren.

Im Übrigen hat sich viel getan: An der Schönfelder Straße gibt es nach dem Umbau neue Radwege, an den Drei-Brücken in Rothenditmold sorgen neue rote Markierungen für mehr Sicherheit, und Ende des Monats wird mit der Fiedlerstraße die dritte Fahrradstraße in Kassel freigegeben. Unser Ziel ist nach wie vor: Statt jetzt neun Prozent sollen bis 2030 elf bis 14 Prozent der Kasseler aufs Rad umsteigen.

Zur Person

Bauingenieurin Anne Grimm (39) ist seit 2014 Radverkehrsbeauftragte der Stadt Kassel. Zuvor war sie bereits im Bereich Straßenplanung der Stadt Kassel tätig und für die Radverkehrsplanung zuständig. Die Mutter von drei Kindern lebt in Niestetal und fährt in ihrer Freizeit gerne Mountainbike. Bei beruflichen Terminen nutzt sie häufig das Rathaus-Pedelec.

Anne Grimm

Rad-Glossar

E-Bike: E-Bikes sind mit einem Elektromofa zu vergleichen und lassen sich mithilfe des Elektroantriebs durch einen Drehgriff oder Schaltknopf fahren, auch ohne dabei in die Pedale zu treten. Wird die Motorleistung von 500 Watt und eine Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h nicht überschritten, gelten sie als Kleinkraftrad. Ein Versicherungskennzeichen, eine Betriebserlaubnis und eine Mofa- Prüfbescheinigung sind zum Fahren notwendig. Eine Helmpflicht besteht bei den E-Bikes nicht. Sie dürfen nur auf Radwegen gefahren werden, wenn es das Zusatzschild „Mofas frei“ erlaubt.

Pedelec: Der in Deutschland am weitesten verbreitete Typ von Elektrofahrrädern ist das Pedelec. Das Pedelec (Pedal Electric Cycle) unterstützt den Fahrer mit einem Elektromotor bis maximal 250 Watt, während des Tretens und nur bis zu einer Geschwindigkeit von 25 km/h. Wer schneller fahren will, ist auf die eigene Körperleistung angewiesen. Sie gelten verkehrsrechtlich als Fahrräder.

Radfahrstreifen: Radfahrstreifen sind von der Fahrbahn durch eine dicke, durchgezogene Linie getrennt und mit Fahrrad-Piktogrammen gekennzeichnet. Zum Fahrbahnrand oder zu geparkten Autos können sie zusätzlich mit einem dünnen durchgezogenen Strich abgegrenzt sein. Ihre Breite soll mind. 1,85 m betragen. Autos dürfen auf Radfahrstreifen nicht fahren, halten oder parken.

Schutzstreifen: Schutzstreifen sind Teil der Fahrbahn und durch eine dünne, unterbrochene Linie gekennzeichnet. Sie sind ebenfalls mit Fahrrad-Piktogrammen gekennzeichnet. Autos dürfen auf Schutzstreifen nur ausnahmsweise fahren, z. B. in einer engen Straße, wenn zwei Busse sich begegnen. Halten bis zu drei Minuten ist auf Schutzstreifen zulässig.

Radrouten

Auf ihrer Internetseite bietet die Stadt Kassel jede Menge Tipps für Radfahrer in und um Kassel an. Viele Karten lassen sich herunterladen, so auch der neue documenta-Radroutenplan. Der Fahrradstadtplan kann für 4, 50 Euro bestellt oder aber im Kundenservice des Rathauses erworben werden. 

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