Betrüger nutzen Leichtgläubigkeit aus

Interview mit Kasseler Arzt: Warum Senioren auf Trickbetrüger reinfallen

Kassel. Ältere Menschen werden immer wieder Opfer von Trickdieben. Was in den Opfern vorgeht, darüber sprachen wir mit Dr. Markus Schimmelpfennig.

Von falschen Polizisten, falschen Stadtwerkern und falschen Enkeln werden Senioren übers Ohr gehauen. Jüngere Menschen können oft nicht nachvollziehen, warum Senioren Trickbetrügern auf den Leim gehen.

Ein Fremder, der angeblich für einen Pflegedienst arbeitet, hat in dieser Woche bei einer Seniorin geklingelt und gesagt, er wolle ihren Schmuck sehen, um einen Diebstahl auszuschließen. Muss man da nicht stutzig werden?

Markus Schimmelpfennig:Das müsste man eigentlich schon. Nach dem Schmuck zu schauen, gehört nicht zur Aufgabe eines Pflegedienstes. Der Punkt ist aber, dass Medizinalberufe bei älteren Menschen ein sehr hohes Ansehen haben. Ältere Menschen haben viel Vertrauen in Pflegeberufe.

Dieselbe Masche hört man immer wieder von falschen Polizisten, die Senioren dazu bewegen, ihre Wertgegenstände an einer von ihnen genannten Stelle zu deponieren, um einen Diebstahl zu vermeiden. Schalten manche Senioren den Verstand aus, wenn sie solche Anweisungen bekommen?

Schimmelpfennig: Nein. Alte Menschen bringen der Polizei allerdings ein sehr hohes Vertrauen entgegen. Viele haben die Polizisten als Kind noch als Schutzmann kennengelernt. Sie rechnen nicht damit, dass ein (vorgeblicher) Polizist ein Betrüger sein könnte.

Immer wieder sind Betrüger am Telefon erfolgreich mit dem sogenannten Enkeltrick. Wenn jüngere Menschen einen Anruf von einem echten Verwandten bekommen, der spontan mehrere Tausend Euro verlangt, dann werden die meisten das wohl ablehnen. Warum reagieren viele Ältere da anders?

Schimmelpfennig : Bei der älteren Generation, damit meine ich Menschen, die vor dem Jahr 1945 geboren worden sind, ist die Hilfsbereitschaft generell stark ausgeprägt. Diese Menschen haben im Krieg und in der Nachkriegszeit erfahren, dass es wichtig ist, anderen spontan zu helfen. Diese Generation hat einen ausgeprägten Reflex zu helfen.

Warum helfen Ältere aber auch vermeintlichen Verwandten, die sich seit Jahren nicht mehr bei ihnen gemeldet haben?

Schimmelpfennig: Da spielt die Einsamkeit vieler Senioren eine große Rolle. Wenn sich plötzlich ein Enkel oder Neffe nach langer Zeit meldet, dann freuen sich die Menschen. Älteren ist es auch wichtig, was die Verwandten über sie denken. Deshalb sind sie eher bereit, etwas abzugeben.

Und fallen prompt auf die Betrüger rein.

Schimmelpfennig: Bei einigen echten Enkeln gibt es doch ähnliche Verhaltensmuster. Die besuchen ihre Großeltern nur Anfang des Monats im Heim, weil sie wissen, dass sie dann etwas vom Taschengeld abbekommen. Der Enkeltrick ist nur eine quadrierte Verkommenheit dieser Masche.

Dr. Markus Schimmelpfennig (61) ist in Kassel geboren und aufgewachsen. Er studierte Medizin in Göttingen und ist seit 1985 beim Gesundheitsamt Kassel beschäftigt. Dort ist Schimmelpfennig stellvertretender Amtsleiter. Markus Schimmelpfennig ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Rubriklistenbild: © mj

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