Club weist im Interview Vorwürfe zurück

Bandidos-Präsident: „Wir gehen normalen Jobs nach“

Einst waren hier eine Ballettschule und ein Möbellager untergebracht: Das neue, 300 Quadratmeter große Clubhaus der Bandidos an der Maybachstraße ist im Hacienda-Stil eingerichtet. Foto: Schachtschneider

Kassel. Mit der Eröffnung ihres neuen Clubhauses an der Maybachstraße 7 (Rothenditmold) haben die Kasseler Bandidos die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gezogen. Wir sprachen mit dem Präsidenten Clubs, Dirk, über das Selbstbild seiner Vereinigung.

Sein Nachname ist der Redaktion bekannt, er soll aber nicht öffentlich gemacht werden.

Ende November wurde unter massiver Polizeipräsenz Ihr neues Clubhaus in Kassel eröffnet. Müssen sich die Kasseler vor Ihrem Club fürchten?

Lesen Sie auch:

- Rockerclubs in Kassel aktiv: Polizei beobachtet Szene

- Hells Angels sind nicht mehr in Kassel aktiv - Unterstützer sind aber präsent

Dirk: Definitiv nicht. Wir sind alle berufstätig und verdienen unser Geld nicht im Rotlichtmilieu und auch nicht durch kriminelle Machenschaften. Da viele von uns in handwerklichen Berufen tätig sind, konnten wir unser neues Clubhaus in Eigenregie aufbauen. Wir wollen Motorrad fahren und unseren Spaß haben. Unser Clubhaus ist jeden Freitag ab 20 Uhr geöffnet und jeder ist willkommen, sich selbst ein Bild zu machen.

Das heißt, die Bandidos Kassel sind nicht in illegale Geschäfte involviert?

Dirk: Wie schon erwähnt, gehen alle Member einem geregelten Arbeitsleben nach und verdienen ihr Geld auf legale Weise. Wenn jemand aus einem Kegelverein straffällig wird, kriminalisiert man ja auch nicht pauschal alle Kegelvereine. Bei uns wird dies getan, nur weil wir als 1%er unsere eigene Philosophie von einer Bruderschaft haben.

Haben Rockerclubs zu Unrecht einen schlechten Ruf?

Dirk: Durch einseitige Berichterstattung in den Medien hat die Allgemeinheit Angst vor uns. In jeder Gesellschaftsschicht gibt es schwarze Schafe, nur bei den Motorradclubs wird immer alles verallgemeinert. Wenn in unseren Reihen jemand durch kriminelle Machenschaften auffällt, wird er des Clubs verwiesen. Bei uns ist definitiv kein Platz für solche Leute.

Fühlen Sie sich diskriminiert?

Dirk: Zu unserer Club-Eröffnung rückte die Polizei mit einem Einsatzkommando an. Jeder der 250 Gäste musste sich durchsuchen und seine Personalien überprüfen lassen. Am Ende hatten die Beamten ein kleines Taschenmesser sichergestellt. Dafür sollten wir sogar eine Anzeige bekommen. Im Sinne der Null-Toleranz-Grenze für Rocker setzten sich alle möglichen Ämter in Bewegung, um die Clubhauseröffnung zu verhindern.

Wie haben sie das getan?

Dirk: Unserem Vermieter wurde erzählt, wir seien eine kriminelle Vereinigung und er solle lieber nicht an uns vermieten. Der Vermieter hat sich aber sein eigenes Bild gemacht. Gewerbe- und Bauamt haben uns besonders strenge Auflagen gemacht. Die haben wir alle erfüllt und konnten einwandfreie polizeiliche Führungszeugnisse vorlegen. Somit konnte uns die Eröffnung nicht mehr verwehrt werden.

Einem Ihrer Mitglieder wurden Verbindungen in die rechte Szene vorgeworfen. Gibt es diese Verbindungen?

Dirk: Ein Mitglied war früher in der rechten Szene aktiv. Er hat der Szene aber den Rücken gekehrt und bedauert heute seine früheren Fehltritte. Wenn jemand einen Fehler gemacht hat und ihn bedauert, sollte man das respektieren und ihm eine Chance geben. Die Bandidos sind definitiv nicht ausländerfeindlich, wir sind weltweit vertreten.

Hintergrund: Begriffe aus der Rockerszene

Chapter / Charter: Mit diesen Begriffen beschreiben die Rockerclubs ihre Ableger vor Ort.

Hangaround / Prospect / Member: Wer in einem der Clubs aufgenommen werden will, muss mehrere Stufen durchlaufen. Zunächst ist er interessierter Anwärter (Hangaround), später Anwärter (Prospect) und nach der Probezeit Mitglied (Member).

1%: Ironische Selbstbezeichnung der Rocker. Sie geht auf 1947 zurück, als eine amerikanische Motorradvereinigung davon sprach, 99 Prozent der Motorradfahrer seien rechtschaffene Bürger.

Chronik: Jüngste Straftaten

Februar 2011: Ein Hells Angel wird zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er einen Polizisten durch eine Tür erschossen hat. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf. Der Rocker habe auf den verdeckt stehenden Polizisten in „irrtümlich angenommener Notwehr geschossen“.

September 2011: Die zwei Charter der Hells Angels in Frankfurt werden verboten. Das Innenministerium sieht viele Mitglieder in Gewalt-, Drogen- und Waffendelikte verwickelt.

April 2012: Das Bandidos-Chapter Aachen und fünf Unterstützerclubs werden verboten. Den Rockern wird vorgeworfen, sie wollten mit Gewalt, Waffen und Selbstjustiz ihre Macht im kriminellen Milieu ausbauen.

August 2012: Der Ex-Präsident der verbotenen Kölner Hells Angels wird verhaftet. Er soll einen Mord beauftragt haben, der nur durch Zufall verhindert wurde.

Montag, 10.12.12: Ein Unterstützer der Hells Angels ist dabei, als in Nordfriesland ein 35-Jähriger beim Geldeintreiben angeschossen wird.

Von Bastian Ludwig

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.