Interview: Kasseler Dechant Harald Fischer übt Kritik an Mythisierung des Kirchenoberhaupts

„Popkultur rund um den Papst“

Von Franziskus überrascht: Der Kasseler Dechant Harald Fischer hatte den Argentinier nicht als neuen Papst auf der Rechnung. Jetzt informiert er sich aus den Medien über den Mann. Foto: Fischer

Kassel. Papst Franziskus ist das neue Oberhaupt der katholischen Kirche. Aber was erwarten Kasseler Katholiken von dem ersten nicht-europäischen Papst? Wir sprachen darüber unter anderem mit dem Kasseler Dechanten Harald Fischer.

Hatten Sie den Argentinier Jorge Mario Bergoglio als neuen Papst auf der Rechnung?

Harald Fischer: Nein, ich war genauso überrascht wie die meisten. Was ich über den Argentinier weiß, das weiß ich aus der Berichterstattung. Um es vorwegzunehmen: Ich habe keine überhöhten Erwartungen an den Papst.

Kirche lebt von der Gemeinde, von der Ortskirche, von den glaubenden Mitchristen. Das Haupt der Kirche ist Jesus Christus, der Papst ist Diener. Er hat eine Bedeutung für die Kirche, aber von ihm kommt nicht das Heil.

Gleichwohl wird er weltweit von den Christen gefeiert.

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Fischer: Ich habe den Eindruck, dass in den Medien eine Popkultur rund um die Person des Papstes aufgebaut wurde. Somit erfährt seine Wahl ähnlich viel Resonanz wie das Geschehen am englischen Königshaus. Es hat hohen Unterhaltungswert, wenn mit alten Requisiten Hofzeremonien abgehalten werden. Diese ganze Kirchenfolklore sehe ich kritisch.

Ähnlich war es kurz vor dem Tod von Papst Johannes Paul II. Er war während seiner Amtszeit immer auch umstritten und plötzlich setzte eine Mythisierung seiner Person ein.

Hatten Sie einen Wunschkandidaten?

Fischer: Nein, den hatte ich nicht. Möglicherweise wird Franziskus rückblickend der Überraschungspapst, den wir in dieser Zeit gebraucht haben. Aber ich weiß auch: Die Probleme der Kirche sind so groß, dass ein Mann damit überfordert ist.

Aber er kann dennoch Prozesse anstoßen.

Fischer: Ganz bestimmt, aber nicht alle Probleme der Kirche lassen sich von Rom aus lösen. Deshalb sollte er die Verantwortung der Ortsbischöfe stärker in den Mittelpunkt stellen. Kirche ist keine autoritäre Organisation. Insofern erwarte ich von Franziskus, dass er den römischen Zentralismus abbaut.

Was ist mit Problemen wie dem Missbrauchsskandal und Finanzgeschäften im Vatikan?

Fischer: Diese Probleme sind im Vorkonklave sehr deutlich benannt worden. Der Papst kann und wird nicht daran vorbeigehen. Es ist eher die Frage, wie er diese angehen wird. Auch dafür wird er die Bischöfe vor Ort brauchen.

Sehen Sie in der Herkunft des Papstes eine Chance?

Fischer: Es ist tatsächlich eine Chance, dass der Kirche in Lateinamerika ein größeres Augenmerk zukommt. Aber der Papst muss auch die Krise der europäischen Kirche im Blick behalten.

In Fragen der Sexualmoral gilt Bergoglio als erzkonservativ. Ist dies nicht ein Hemmnis für den Reformprozess?

Fischer: Ich weiß nichts über die moraltheologischen Positionen des neuen Papstes. Dass er die Homo-Ehe nicht legalisieren würde, würde ich noch nicht als erzkonservativ bezeichnen. Klar geregelt werden muss aber, wie sich die Kirche zukünftig gegenüber Katholiken, die unverheiratet oder in zweiter Ehe zusammenleben, verhält.

Wie blicken Sie auf Papst Benedikt zurück?

Fischer: Zurückhaltend. Er war ein guter Theologe, aber der Zentralismus ist in seiner Amtszeit gestärkt worden. Möglicherweise war sein Rücktritt eines seiner wichtigsten pastoralen Zeichen. Damit hat er deutlich gemacht, dass Amt und Person zwei verschiedene Dinge sind.

Dies könnte ein Vorbild für den neuen Papst sein, denn in acht bis zehn Jahren könnte sich für den 76-Jährigen die gleiche Frage stellen. Papst Franziskus wünsche ich jedenfalls für seine Aufgaben alles Gute und Gottes Segen.

Zur Person: HARALD FISCHER (58) ist seit 2002 Dechant der katholischen Kirche in Kassel, seit 1997 Pfarrer in St. Familia. Fischer ist in Kassel geboren, hat Industriekaufmann gelernt und später an der philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen studiert.

Mehr Stimmen aus Kassel zum Papst lesen Sie in der gedruckten Hessischen Allgemeinen von Freitag.

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