Serie zum Thema Respekt

Interview mit dem Kasseler Psychologen Prof. Lantermann: „Stimmung wird immer gereizter“

+
Der Kasseler Psychologieprofessor Dr. Ernst-Dieter Lantermann.

Ein höflicher Umgang in der Gesellschaft scheint immer mehr verloren zu gehen. Zum Thema Respekt sprachen wir mit einem Kasseler Psychologieprofessor.

Ob im Straßenverkehr, beim Einkauf oder im Internet: Viele Menschen haben den Eindruck, dass der Umgangston rauer wird. Wir sprachen darüber mit dem Kasseler Psychologieprofessor Dr. Ernst-Dieter Lantermann.

Herr Lantermann, wann haben Sie zuletzt eine Rücksichtslosigkeit erlebt?

Neulich am Käsestand, als ich in der Schlange stand. Eine Frau drängelte sich vor mit dem Hinweis, sie habe noch viel zu tun. Sie hatte nicht das geringste Bewusstsein dafür, dass sie sich falsch verhalten könnte. Die Empörung der anderen Kunden verstand sie nicht. Es ist ein banales Beispiel, das zeigt, dass eine unheilvolle Dynamik entstehen kann, sobald sich einer roh oder antisozial verhält. Denn die zu Recht verärgerten Wartenden beschimpften die Frau schließlich auch recht deftig. So schaukeln sich die Dinge schnell hoch.

Gibt es bestimmte Bereiche, in denen solche Respektlosigkeiten zunehmen?

Man kann es fast überall im Alltag beobachten: im Straßenverkehr, im Kino, im Schwimmbad, gegenüber Ärzten, Feuerwehrleuten und Polizisten, gegen jeden, der einem im Wege steht und den man für seine Misere verantwortlich macht. In verbalen Auseinandersetzungen – nicht nur im Netz – kommt es schneller zu Zuspitzungen, bis hin zu offenen Gewaltandrohungen. Das gilt nicht nur für den Alltag, sondern auch für die Politik. Wenn etwa Horst Seehofer erklärt, dass er „bis zur letzten Patrone“ gegen Einwanderung in das deutsche Sozialsystem kämpfen wolle, dann ist auch das ein erschreckendes Beispiel einer rhetorischen und geistigen Verrohung.

Lesen Sie auch: DRK beklagt Behinderungen bei Einsätzen: „Menschen nehmen weniger Rücksicht“

Also geht es direkt zur Eskalation, statt erst mal zu diskutieren?

Sozusagen. Man fühlt sich im Recht und versucht kaum noch, Verständnis oder Respekt für das Gegenüber aufzubringen. Die Fähigkeit zur Toleranz und zum Kompromiss lässt bei vielen Menschen nach. Aber Vorsicht. Auch wer beklagt: „Alle sind so verroht“, grenzt sich ab und fühlt sich als etwas Besseres. Damit wird man gewissermaßen Teil des Problems der gegenseitigen Schuldzuweisung und Polarisierung.

Was sind die Ursachen für diese Entwicklung?

Es gibt nicht die eine Ursache. Aus sozialpsychologischer Sicht spielt die schleichende Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts eine erhebliche Rolle. Der Glaube daran, dass es in der Welt gerecht und solidarisch zugeht, ist weitgehend verschwunden und damit auch das Vertrauen in die Politik. Das hat sicher zum Teil mit realen Erfahrungen zu tun: Denken wir nur an den Dieselskandal oder das nachweisliche Auseinanderdriften der Schere zwischen Arm und Reich. Viele sehen sich daher alleingelassen, ohne Hoffnung auf fremde Hilfe und meinen daher, nur mit Ellbogen und Rücksichtslosigkeit erfolgreich durchs Leben zu kommen.

Gibt es weitere Gründe?

Es hat auch damit zu tun, dass sich viele Menschen durch den rasanten gesellschaftlichen Wandel verunsichert und überfordert fühlen. In einer komplexer und schneller gewordenen Welt fehlt dem Einzelnen der Überblick. Das geht so lange gut, wie man vertrauen kann. Wenn das aber wegfällt, fehlen uns die Orientierung und jede Sicherheit. Man wird dann immer misstrauischer und wachsamer und erwartet jeden Augenblick den Einbruch des Schreckens in seine gewohnte Ordnung. Es kommt es zu einem Zustand der Dauererregung und Dauergereiztheit. Dann bedarf es nur eines winzigen Anlasses, um aus der Haut zu fahren.

Da reicht es dann, wenn man die Vorfahrt genommen bekommt.

Zum Beispiel. Der Mensch ist ja eigentlich stolz darauf, zwischen Impuls und Handlung den Verstand einschalten zu können. Im Dauererregungszustand aber entfällt die Reflexion, ob unser Verhalten richtig ist oder welche Folgen es für andere haben könnte. Es gibt nur noch das Hier und Jetzt. Auf den Impuls folgt unmittelbar die Tat: Zum Beispiel ein Hupkonzert oder ein Wutausbruch am Steuer, wenn man sich vom Verhalten eines anderen blockiert und aufgehalten fühlt.

Ist so ein Verhalten psychologisch gesehen für den Einzelnen sinnvoll?

Natürlich, sonst würde es nicht so oft vorkommen. Wenn wir im Augenblick hoher Erregung – sei es Wut, Hass oder überbordende Ungeduld – unsere Bedürfnisse durchsetzen, fühlen wir uns stark. Der so oft erfahrenen Ohnmacht und Fremdbestimmung schleudern wir ein starkes Signal der Selbstermächtigung entgegen. In dem Moment wissen wir wieder, was zu tun ist und wähnen uns völlig im Recht.

Inwiefern trägt das Internet zum rauer werdenden Klima bei?

Das Internet hat unsere Gesellschaft gründlich umgekrempelt und wird es weiter tun. Gerade was Respektlosigkeiten und die Verrohung der Sprache angeht, hat es stark zu dem Phänomen beigetragen. Wenn man im Netz immer wieder konfrontiert ist mit Rücksichtslosigkeiten, Beleidigungen und Gewaltszenarien, dann nimmt man das irgendwann als Teil der Realität wahr. Und gerade in den sozialen Medien gilt das Prinzip der Steigerung: Es fängt harmlos an und drei Beiträge später soll Merkel umgebracht werden. Auch wenn die Dinge zunächst im virtuellen Raum stattfinden, formen sie unser Bild von Konfliktlösung für das wirkliche Leben. Das Internet wirkt also gewissermaßen als Brandbeschleuniger.

Lesen Sie auch: Ministerpräsident Volker Bouffier über Hasskommentare im Internet: „Müssen dagegenhalten“

Was lässt sich gegen die Verrohung tun?

Das Allerwichtigste ist, den Fehdehandschuh nicht aufzunehmen. Man sollte versuchen, nicht in dasselbe Verhalten zu fallen wie das Gegenüber, über das man sich eigentlich ärgert. Am Käsestand also beispielsweise zur Vordränglerin sagen: „Bitte, ich lasse Sie gern vor, wenn Sie es so eilig haben.“ Oder zum Radfahrer, der völlig aggressiv im Verkehr unterwegs ist: „Was ist denn bei Ihnen los, ich hatte ja richtig Angst um Sie!“ Durch so eine unerwartete Reaktion fallen die anderen häufig aus ihrem aggressiv-rücksichtslosen Modus heraus. Die Kunst dabei ist, ohne einen Vorwurf und möglichst ohne Sarkasmus dem anderen ein Reflexionsangebot zu machen. Nur so können wir aus der Spirale aussteigen.

Wird das Phänomen weiter zunehmen?

Ich fürchte ja, wenn sich die Verhältnisse in der Welt noch weiter zuspitzen. Wenn Menschen noch stärker um ihre Jobs bangen, Angst vor Verarmung, Umweltkatastrophen oder Krieg haben, wird die Grundstimmung immer gereizter. Und dann neigen Menschen dazu, nur noch an sich selbst zu denken. Andererseits warne ich auch vor zu viel Schwarzmalerei. Denn die Klage über die Verrohung der Gesellschaft ist uralt, das gab es schon im Alten Griechenland. Das Phänomen hat sich vielleicht etwas gesteigert, aber das mag auch damit zu tun haben, dass über Fälle von Verrohung mehr berichtet wird.

Ist das Phänomen gefühlt größer als tatsächlich?

In einer bundesweiten Umfrage der Stiftung für Zukunftsfragen waren zuletzt 84 Prozent der Bevölkerung der Auffassung, für Egoismus sei in unserer Gesellschaft immer weniger Platz und man müsse mehr zusammenhalten. Solche Befunde zeigen, dass eine große Mehrheit unserer Gesellschaft immer noch ein rücksichtsvolles und freundliches Miteinander wünscht und pflegt.

Zur Person

Prof. Dr. Ernst-Dieter Lantermann (73) hatte fast 30 Jahre lang eine Professur für Persönlichkeits- und Sozialpsychologe an der Universität Kassel inne. Lantermann, der gebürtig aus Oberhausen stammt, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Er lebt mit seiner Frau in Kirchditmold. Zuletzt veröffentlichte er das Buch „Die radikalisierte Gesellschaft: Von der Logik des Fanatismus“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.