Geistlicher über Konflikte und Krise

Bischof Algermissen im Interview: „Luther ist mir sympathisch“

Gottesdienst in der Rosenkranzkirche: Bischof Heinz Josef Algermissen (links) feierte gestern mit Kasselern einen Abendmahlsgottesdienst zum Ende der Weihnachtszeit, rechts Pfarrer Paul Schupp. Foto:  Koch

Kassel. Bischof Heinz Josef Algermissen hat am Sonntag in der Rosenkranzkirche am Bebelplatz einen Gottesdienst gehalten. Im Anschluss daran sprachen wir mit ihm.

Bischof Algermissen, Religionen stehen im Moment stark in der Kritik, sie seien der Auslöser für blutige Konflikte in der Welt. Wie kann Glaube heilen? 

Heinz Josef Algermissen: Religionen sind so unterschiedlich, dass man sie nicht in einen Topf werden darf.

Das große Thema des Evangeliums Jesu Christi ist der Friede, nicht nur endzeitlich, sondern hier und jetzt. Problematische Textstellen des Alten Testamentes sind für uns nur von Jesus Christus her zu verstehen.

Man muss ganz deutlich zwischen Glaube und Fundamentalismus unterscheiden: Fundamentalismus hat einen Absolutheitsanspruch. Fundamentalisten schließen sich ab und andere aus. Das ist der Ansatz von Kriegen. Zu sagen, ich habe die Wahrheit gepachtet, ist fatal. Wir haben allerdings auch hierzulande Muslime dieser Art.

Was nun das derzeitige Phänomen der Pegida- und Gegendemonstrationen betrifft, so müssen wir dringend miteinander ins Gespräch kommen, anstatt uns abzugrenzen. Wenn ich jemanden auf Distanz halte, kann ich keine Vorurteile abbauen.

Die Gesellschaft hat in der Vergangenheit manche Probleme ausgeschaltet. Die christlichen Kirchen sind aufgerufen, Menschen zusammenzuführen. Wir müssen Brücken bauen.

Auch die katholische Kirche leidet unter hausgemachten Skandalen. Können Debatten wie die um die Verschwendungssucht eines Bischofs von Limburg geheilt werden? 

Algermissen: Solche Vorfälle tun uns sehr weh. 2010 waren es die Missbrauchsfälle, die uns in die Schlagzeilen brachten, und 2013/14 folgte eine zweite Austrittswelle im Zusammenhang mit den Aufdeckungen der Ausgaben des Bischofs von Limburg. Es ist gut, dass Missstände öffentlich und abgestellt werden, aber beide Themen hatten schlimme Fernwirkungen. Wir benötigen sicher mehr als zehn Jahre, um das Vertrauen zurückzugewinnen.

Kirche ist zwar eine Heilsgemeinschaft, war aber nie eine heile Gemeinschaft. Sie musste immer auch Lügner und Heuchler mittragen. Aber hier wurde unsere Kirche in Sippenhaft genommen und mit Anwürfen belastet, wie sie vorher nie denkbar waren.

Kann Papst Franziskus, in dem viele einen Hoffnungsträger sehen, diesen Imageverlust wettmachen? 

Algermissen: Dieser Papst ist ein konsequenter Jesuit, er geht Schritt für Schritt auf seinem Weg voran. Franziskus hat der Arroganz der Macht den Kampf angesagt. Er ist absolut glaubwürdig, lebt die Einfachheit, hat offene Augen und lässt sich durch den Apparat des Vatikans in keiner Weise kompromittieren. Dieser Papst ist für diese Zeit – wie vom Heiligen Geist geschickt – die beste Lösung. Ich hoffe, dass er seine Kraft behält.

Protestanten bereiten sich auf 500 Jahre Luther vor. Wie stehen Sie zum Reformator? 

Algermissen: Luther ist mir sympathisch, weil er ein Gottsucher ist.

Ich kann ihn aber nachträglich nicht heiligsprechen, denn unter Luther ist die Kirche zerbrochen. Von dieser Spaltung haben wir uns auch nach 500 Jahren nicht erholt. Das Bistum Fulda wird sich am Reformationsgedenken mit einem ökumenischen Bußgottesdienst beteiligen, zur Reinigung des Gedächtnisses.

Die Ökumene ist bislang gute Wege gegangen, aber sie hat es noch nicht geschafft, die entscheidende Frage nach dem Ziel der Einheit zu beantworten. Da liegt noch ein langer Weg vor uns.

Zur Person: Heinz Josef Algermissen (72) ist seit 2001 Bischof von Fulda. Er hat Philosophie und Katholische Theologie in Freiburg studiert und war vor seinem Amt als Weihbischof in Paderborn. Algermissen ist Präsident von Pax Christi und Vorsitzender der Ökumene-Kommission.

Von Christina Hein

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