Interview: Künstler Danh Vo über die Freiheitsstatue im Fridericianum

Kassel. Danh Vo sitzt auf den Stufen vor dem Fridericianum und genießt die Herbstsonne. Seine große Einzelausstellung „JULY, IV, MDCCLXXVI“ (das Datum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung) ist früher fertig als gedacht.

Gelegenheit zum Gespräch über die Schau, für die ein Drittel der New Yorker Freiheitsstatue in China nachgebaut wurde. Am Freitagabend wird sie eröffnet.

Sind Sie glücklich über die Ausstellung, ist sie geworden, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Danh Vo: Nein, nicht wirklich.

Wieso?

Vo: Ich hatte keine Erwartungen. Ich wollte mich selbst überraschen lassen. Ich habe so etwas Großes noch nie gemacht. Das bedeutet: „Learning by Doing.“

Wird die Freiheitsstatue vollständig nachgebaut?

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Vo: Ja, es wird in China kontinulierlich weiter gearbeitet. Ich habe verschiedene Ausstellungen nächstes Jahr. Was fertig ist, wird verschifft. Wir mussten akzeptieren, dass in Kassel nur das gezeigt werden kann, was bis jetzt fertig ist. Wir haben so hart wie möglich gearbeitet, aber wir können keine Wunder bewirken.

Wieso wurden die Teile in China hergestellt? Weil die Produktionskosten dort günstig sind? Oder ist das ein Symbol dafür, dass China den USA ökonomisch den Rang abläuft?

Vo: Beides. Aber es gibt noch andere Beweggründe. Wir haben uns bei verschiedenen Produktionsstätten erkundigt. In Frankreich war es nicht nur teurer, es kam ein zusätzlicher Aspekt dazu, „Patronomie“. Da war ich mir ganz sicher, dafür nicht extra zu bezahlen. Ich glaube nicht an Günstlingswirtschaft, Patronage.

Man sieht die Freiheitsstatue nur in Teilen, in Fragmenten. Ist das ein Symbol für den Zustand der Freiheit in den USA oder der „freien Welt“?

Vo: Ich versuche immer, Interpretationen zu vermeiden. Ich wollte eine offene Arbeit machen, bei der die Betrachter ihren eigenen Zugang finden können. Gute Kunst sollte immer Raum für Deutungen lassen. Wichtig war nur, die Entscheidung für den Nachbau zu treffen, und zwar für die Hülle, nicht für die Ingenieursleistung, das von Eiffel entworfene Gerüst, das diese Hülle stützt. Als ich erfuhr, dass die Statue nur zwei Millimeter dick ist, fand ich das den richtigen Ansatz: nur die Haut herzustellen. Ich wollte etwas Monumentales, Wiedererkennbares machen, das aber gleichzeitig wenig vertraut sein sollte, etwas Fremdes. Ich hoffe, so funktioniert es. Natürlich habe ich dazu auch eine Meinung, aber die ist unwichtig.

In Ihrer Biografie spielt die Idee der Freiheit eine große Rolle: Ihre Eltern flohen aus Vietnam, als Sie ein Kind waren.

Vo: Ich glaube, jeder ist beeinflusst vom „amerikanischen Traum“. Meine Familie waren Südvietnamesen, sie waren durch Amerika geradezu einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Die Amerikaner waren die Retter. Amerika war unser Ziel. Aber das Schicksal wollte es anders.

Sie landeten in Dänemark ...

Vo: ... wegen der Firma, die uns aus dem Meer gefischt hat. Natürlich gibt es immer persönliche Ansatzpunkte, aber ich glaube nicht, dass diese Arbeit erfolgreich ist, wenn man sie mit meiner Biografie verbindet.

Im Erdgeschoss stellen Sie den Artikel über die Hochzeit von Barbara und George Bush 1945 und die Original-Schreibmaschine des „Unabombers“ Ted Kaczynski aus. Auch das hat mit der Idee von Freiheit und Demokratie zu tun. Bush wollte eine neue Weltordnung, in der die USA westliche Werte durchsetzen, überall auf der Welt.

Vo: Ich wollte auf den Kupferplatten, die das Bild der Freiheitsstatue formen, extreme Positionen der Deutung von Freiheit gegenüberstellen. Ich verbinde Dinge gern in ihrer Gegensätzlichkeit, aber nicht, weil das notwendigerweise Sinn machen muss.

Sie sind aus Berlin nach New York gezogen. Warum?

Vo: Ich wollte schon immer mal in den USA leben. Und nach acht Jahren Berlin musste ich etwas Neues sehen. Jetzt hatte ich die Möglichkeit.

Unser Bild von New York ist bestimmt von Filmen, Musik, von der ganzen Popkultur. Ist New York die Stadt, von der Sie geträumt haben, oder ganz anders?

Vo: Ganz anders. Alle vorgegebenen Bilder muss man zu seinen eigenen machen, indem man sie unmittelbar erlebt. Ich bin ein sehr skeptischer Mensch. Ein Umzug nach New York erfüllt nicht automatisch alle Träume. Eher zerbrechen Träume. Das ist viel realistischer, als irgendwo Träume erfüllt zu bekommen.

Glauben Sie, der amerikanische Traum ist lebendig, die Fackel der Freiheit leuchtet noch?

Vo: Ganz bestimmt. Auch wenn Kriege Jahrzehnte her sind, sind sie in den Köpfen noch ganz lebendig. So etwas verschwindet nicht einfach. Mein Ansatz sind die Träume, die zerplatzen, Illusionen. Es ist ein Mittel für Regierungen, Träume am Leben zu halten für Menschen, die nichts anderes haben. Das zähmt und bändigt Menschen, wenn sie auf eine Perspektive in der Zukunft vertröstet werden. Das hält sie still. Aber dieses Versprechen ist eine Lüge. Davon handelt diese Ausstellung: Vom Gefühl des Gefangenseins. Eingeklemmt zu sein in einer Situation, in der man nicht weiß, was Freiheit bedeutet. In einer Falle zu sein.

Fotos: Freiheitsstatue im Fridericianum

Neue Ausstellung: Freiheitsstatue im Fridericianum

Die Freiheitsstatue war als mögliches Angriffsziel nach dem 11. September geschlossen. Das sagt etwas aus über die Situation der Freiheit, wenn die Leute deren wichtigstes Symbol nicht besuchen können.

Vo: Das ist aber auch ein Trick. Es gibt ein anschauliches Bild dafür ab, was die Terroristen attackieren wollen: die Freiheit des Volkes. Das ist eine Instrumentalisierung.

Sie stellen im Fridericianum aus, das eine lange documenta-Geschichte hat. Bedeutet Ihnen das etwas?

Vo: Das war eine große Herausforderung. Direkt in der Nachbarschaft einer meiner Lieblingsarbeiten, des Erdkilometers von Walter de Maria.

Haben Sie den Herkules schon mal gesehen?

Vo: Ja, dieselbe Technik wie die Freiheitsstatue, Kupfer treiben und hämmern. Ein antikes Verfahren, das während der industriellen Revolution gewissermaßen umgekehrt wurde: Bei der Freiheitsstatue hat man auch ein gigantisches Monument, aber nur die Hülle. Man braucht nicht mehr wie bei den Pharaonen Millionen Arbeiter für massive Monumente.

Zur Person

Danh Vo, 1975 in Vietnam geboren, wuchs in Dänemark auf. Er studierte in Kopenhagen und Frankfurt, lebte acht Jahre in Berlin und zog kürzlich nach New York. 2009 hatte er eine Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel, im gleichen Jahr war er für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst nominiert. 2013 wird er Soloschauen in Paris und Bregenz haben.

Bis 31.12., Mi-So 11-18 Uhr, auch am 3.10. geöffnet. Sonntag, 15 Uhr, Kuratorenführung. Eintritt: 5 (3) Euro. www.fridericianum-kassel.de

Von Mark-Christian von Busse

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