Interview mit dem Ex-Spediteur Achim Hohl zur Lage in der Logistikbranche

Ex-Spediteur: „Kampf mit allen Mitteln“

Kassel. Die Logistikbranche in Nordhessen steht in der Kritik: Die Gewerkschaft Ver.di prangert schlechte Arbeitsverhältnisse und Niedriglöhne einiger Unternehmen an. Fernfahrer bestätigen die Missstände. Joachim Hohl kennt beide Seiten: Er war Fahrer, später Spediteur. Wir sprachen mit ihm über die Branche.

Herr Hohl, 1500 Euro brutto zahlt eine Spedition aus dem Landkreis Kassel nach Aussage eines ehemaligen Fahrers. Ist das ein gängiger Lohn?

Mehr zum Thema

Artikel: Ein Fernfahrer packt aus

Joachim Hohl: Ein erfahrener Fahrer fängt für das Geld nicht an. Da bekommt man oft nur Anfänger. Die wiederum verursachen Kosten. Trotzdem sind 1500 Euro natürlich viel zu wenig. Zumal der Arbeitgeber nicht nur Lohn, sondern auch Sozialabgaben spart.

Neben den Löhnen prangert Ver.di bei einigen Firmen Verstöße gegen Lenk- und Ruhezeiten an. Wie kommt es dazu?

Hohl: Fahrer helfen beim Be- und Entladen als Ladehelfer mit. Das dürfen sie eigentlich nicht, doch vor allem große Lebensmittelhändler erwarten das. Zum anderen werden Fahrer unter Druck gesetzt: „Das schaffst du doch auch noch, oder? Sonst muss ich beim nächsten Mal einen anderen rufen“, heißt meist die unterschwellige Drohung. Auf der anderen Seite sind Fahrer manchmal auch selbst für Verstöße verantwortlich.

Wieso denn das?

Hohl: Ein guter Fahrer schafft bei vernünftigen Vorgaben seine Touren. Manche Fahrer missachten aber Anweisungen des Arbeitgebers.

Können Sie ein Beispiel schildern?

Zur Person

Joachim Hohl (47) ist gelernter Speditionskaufmann und in Staufenberg-Escherode geboren. Nach Ende seiner Ausbildung 1981 war er bis 1992 als Fernfahrer tätig. Dann machte er sich selbstständig. Sein Unternehmen Hohl-Fracht in Kassel hatte später 14 Lkw. 2004 stieg Hohl gesundheitsbedingt aus. Er lebt in Escherode.

Hohl: Ein Fahrer ist unterwegs nach Augsburg. Weil er in Melsungen wohnt, macht er dort eigenmächtig mehrere Stunden Pause. Spät in der Nacht kommt der Fahrer ans Ziel. Dort kann er allerdings nicht mehr die vorgeschriebenen neun Stunden Pause machen, weil er morgens aufbrechen muss. Auf der Rückfahrt hält ihn die Polizei an, stellt einen Ruhezeitverstoß fest. Der Lkw muss neun Stunden rasten, der Spediteur tausende Euro Strafe zahlen – obwohl ihn keine Schuld trifft und der Fahrer rein rechnerisch seine Pause gehabt hat.

Wie ist die Konkurrenz zwischen den Speditionen?

Hohl: Bis Ende der 90er-Jahre mussten Spediteure beim Regierungspräsidium Konzessionen für Nah- und Fernverkehr erwerben. Die darin festgelegte Tonnage konnten sie gegebenenfalls auf Fahrzeuge verteilen. Diese Begrenzung gibt es heute nicht mehr, daher sind mehr Lkw unterwegs. Manche Auftraggeber nutzen die Situation aus, indem sie Speditionen gegeneinander ausspielen. Die Spediteure führen den Kampf mit allen Mitteln, schwärzen sich gegenseitig bei Finanzamt und Arbeitsschutzbehörde an.

Welche Rolle spielen Subunternehmer?

Hohl: Die großen Speditionen fahren oft nur Linien- und Kurztouren. Sie halten sich an Lenk- und Ruhezeiten. Die schwierigen Touren mit mehreren Ladestellen werden zu Festpreisen an Subunternehmer vergeben. Kommt es an den Ladestellen zu Verzögerungen, bleiben Kosten und Strafen am Subunternehmer hängen, obwohl er besonders knapp kalkulieren muss.

Von Göran Gehlen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.