Fragen an Prof. Dorit Bosse

Interview zum Lehrertest: „Nicht jeder ist geeignet“

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Hohen Erwartungen ausgesetzt: Lehrer müssen den Ansprüchen von Schülern, Eltern und Kollegen gewachsen sein. Die Kasseler Prof. Dorit Bosse sagt, nicht jeder bringe das nötige Rüstzeug dafür mit.

Kassel. Der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hat freiwillige Eignungstests für angehende Lehrer gefordert. An der Uni Kassel gibt es bereits seit sechs Jahren ein verpflichtendes Training, bei dem Lehramtsstudenten ihre Motivation und ihre sozialen Fähigkeiten prüfen können.

Wir sprachen mit Prof. Dorit Bosse, die das in Kassel entwickelte Programm leitet, das 2008 den hessischen Lehrpreis erhielt und inzwischen bei anderen Hochschulen auf großes Interesse stößt.

Ist der von Minister Lorz geforderte Eignungstest für angehende Lehrer sinnvoll? 

Prof. Dr. Dorit Bosse: Absolut, denn für den Lehrerberuf ist nicht jeder geeignet. Lehrer sind hohen Erwartungen von Schülern, Eltern und Kollegen ausgesetzt – denen müssen sie gewachsen sein. Zudem ist es ein wichtiger Beruf. Lehrer haben einen prägenden Einfluss auf die nachwachsende Generation. Dabei spielt nicht allein das Fachwissen, sondern vor allem die Persönlichkeit des Lehrers eine große Rolle. Es werden keine Fächer unterrichtet, sondern Schüler. Dafür muss ein Lehrer Beziehungen herstellen können und nicht zuletzt Kinder und Jugendliche mögen.

Das heißt, wenn jemand mit 1,0 sein Studium abschließt, ist er noch kein guter Lehrer? 

Bosse: Er kann im Unterricht völlig scheitern. Zu Beginn ihres Studiums verfügen etliche Studenten noch nicht über das nötige soziale Know-how. Dazu zählt die Fähigkeit zur Selbstkritik und Reflexion. Kinder und Jugendliche sind zum Teil sehr kritisch und wollen sich an den Erwachsenen abarbeiten. Lehrer müssen das Aushalten können und dürfen nicht jede Kritik persönlich nehmen, sonst steigt das Krankheitsrisiko.

Welche Defizite beobachten Sie sonst bei den Studenten? 

Bosse: Es gibt Studenten, die können einem im Gespräch nicht in die Augen schauen oder die jede Kritik als persönlichen Angriff werten. Manchem fällt es schwer, sich in andere Perspektiven, etwa die der Eltern, hineinzuversetzen.

Lassen sich solche Defizite im Studium aufarbeiten?

Bosse: Wir gehen davon aus. Es gab vor einiger Zeit einen Psychologen im Gesundheitsamt, der uns gebeten hat, die Lehramtsstudenten besser auszusieben, damit er nicht so viele Lehrer bei sich sitzen hat, die er arbeitsunfähig schreiben muss. Aber wie wollen wir das machen? Das sind junge Menschen, die sind mit 18 Jahren noch in einer ganz heißen Entwicklungsphase. Denen zu sagen, dass der Lehrerberuf nichts für sie ist, wäre nicht zu verantworten.

Wie sieht das entwickelte Kompetenztraining aus?

Bosse: Im Kompaktseminar „Psychosoziale Basiskompetenzen für den Lehrerberuf“ wird in Kleingruppen von zwölf Studenten das Auftreten vor Gruppen geprobt. Es werden Fälle aus dem Schulalltag durchgespielt, und es findet eine Auseinandersetzung mit der eigenen Schulzeit statt. Zwei Dozenten, zwei Beobachter und der Rest der Gruppe spiegeln den Studenten anschließend ihr Verhalten.

Haben die Studenten anfänglich falsche Vorstellungen vom Lehrerberuf? 

Bosse: Es gibt keinen Beruf, den junge Menschen so gut kennen. Ein Gymnasiast hat am Ende seiner Schulzeit 12 000 bis 13 000 Schulstunden mit Lehrern verbracht. Aber er kennt nur das, was vor der Bühne – im Klassenzimmer – passiert ist.

Welche Motive für ihre Berufswahl geben Lehramtsstudenten an? 

Bosse: Mancher will einem Lehrer-Vorbild nacheifern, das er aus seiner eigenen Schulbiografie kennt. Andere haben in der Schule gelitten und wollen es besser machen, und es gibt solche, die vor allem die Sicherheit schätzen, die der Beamtenstatus bietet. Wichtig ist, dass die Studenten ihre eigene Schulzeit, auch wenn sie insgesamt in positiver Erinnerung ist, kritisch hinterfragen. Denn wir wollen, dass Schule sich weiterentwickelt.

Von Bastian Ludwig

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