Interview

Virologe aus Kassel über aktuelle Corona-Lage: „Maßnahmen hängen immer ein Stück hinterher“

Dr. Marcus Thomé
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Dr. Marcus Thomé

Ein Virologe aus Kassel im Interview über die aktuelle Corona-Lage. Ein Kontakt-Tagebuch könnte die Gesundheitsämter entlasten.

Kassel – In einem Interview sprach Dr. Marcus Thomé, Chefarzt der Infektionsdiagnostik und Klinischen Mikrobiologie am Klinikum Kassel, über die aktuelle Corona-Lage und den Teil-Lockdown.

Herr Thomé, was sagen Sie zum Teil-Lockdown?

Die Entscheidung für den Lockdown ist eine politische, und sie beruht auf einer Reihe von unterschiedlichen Faktoren, die weit über medizinische Überlegungen hinausgehen. Auch wenn einige Maßnahmen für manche Bürger, Gastronomen und Kulturschaffende auf den ersten Blick unverständlich erscheinen mögen, sollte man die Entscheidung nicht grundsätzlich in Frage stellen.

Virologe Dr. Thomé aus Kassel über die politischen Corona-Maßnahmen

Wie blicken Sie als Virologe auf die Corona-Maßnahmen?

Aus epidemiologischer Sicht ist es so, dass die politischen Maßnahmen meist rückblickend getroffen werden, weil sie zum Beispiel die Sieben-Tage-Inzidenz in den Blick nehmen und damit das vergangene Infektionsgeschehen beurteilen. Zum Zeitpunkt der Entscheidungen hat sich das Infektionsgeschehen aber oft rasant entwickelt. Letztendlich hängen wir dann mit den Maßnahmen immer ein Stück hinterher.

Worauf müssen wir in den nächsten Wochen achten?

Das primäre Ziel muss sein, die Infektionsdynamik schnellstmöglich auszubremsen und gleichzeitig die Risikogruppen zu schützen und das Gesundheitssystem stabil zu halten. Dazu sollten neben den politischen Maßnahmen auch die Bürger eigenverantwortlich beitragen – indem sie sich an die Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln halten.

Corona in Kassel: Virologe Dr. Thomé mit Tipps zum Verhalten im Alltag

Was kann man im Alltag noch tun?

Zum Beispiel ein Corona-Kontakt-Tagebuch führen. Ein solches Tagebuch entlastet das Gesundheitsamt, weil sich auch Infektionscluster zum Zeitpunkt der Ansteckung und somit aktuell Infizierte und potenzielle Überträger schneller ausfindig machen lassen. Im Idealfall können alle Maßnahmen in der Summe verhindern, dass etwa Schulen und Kitas oder Restaurants und Kulturstätten geschlossen werden müssen.

Virologe Thomé aus Kassel über Corona-Lage: Ampelsystem als intelligente Überlegung

Jeden Tag liest man von Höchstwerten bei den Neuinfektionen. Wie blicken Sie auf die Zahlen?

In Fachkreisen gibt es die intelligente Überlegung, den alleinigen Blick auf die Zahl der Neuinfektionen umzuleiten auf ein Ampelsystem, das auf mehreren Indikationen beruht. Dazu gehören neben den Infektionszahlen, die Anzahl der durchgeführten Tests, stationäre und intensivmedizinische Behandlungskapazitäten sowie das Verhältnis von symptomatischen und asymptomatischen Infizierten.

Auf dieser Basis kann die komplexe Lage vor Ort besser dargestellt und den Bürgern in Form von Ampelfarben verständlich gemacht werden. Das Ampelsystem ist auch von Vorteil für die Gesundheitsbehörden und die Verwaltung, die so über ausreichend Daten verfügen, mit denen sie das Pandemiegeschehen verfolgen und einschätzen können. (Marie Klement)

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