Interview

Kasseler Juri Galkin, Mitbegründer des Zukunftstags: „Wir müssen über die Rente reden“

Juri Galkin, Mitbegründer des Zukunftstags
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Juri Galkin, Mitbegründer des Zukunftstags

Vor vier Jahren haben Schüler eine Initiative gegründet, die etwas dagegen unternehmen wollte, dass junge Menschen nicht ausreichend auf das reale Leben vorbereitet sind, wenn sie die Schule verlassen.

Kassel - Die junge „Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung“ entwickelte neue Formate in der Bildung. Heute ist sie mit ihrem Zukunftstag zu Gast an vielen Schulen. Wir sprachen mit einem der beiden Gründer, Juri Galkin. Der Tag findet am Donnerstag an seiner ehemaligen Schule, der Friedrich-List-Schule, statt.

Heute ist der Zukunftstag an Ihrer alten Schule. Wie fühlt sich das an?
Es fühlt sich sehr gut an, weil dort alles begonnen hat. Zukunftstag-Mitgründer Lorenzo Wienecke und ich haben uns 2017 als Schüler auf einer Party kennengelernt. Wir waren beide Schulsprecher, er in Niedersachsen, ich in Hessen. Wir haben über den Tweet einer Schülerin gesprochen, der großes Aufsehen erregt hatte, weil sie kritisierte, dass sie in der Schule zwar lerne Gedichte zu analysieren, nicht aber eine Steuererklärung zu machen. Wir waren uns sofort einig, dass man etwas tun muss. Als SV hat man ja Möglichkeiten, etwas zu bewegen.
Wie war die Reaktion?
Als wir die ersten Ideen für einen Projekttag präsentierten, hatte der damalige Schulleiter Bedenken, dass das Werbung für unsere Referenten sein könnte. Wir konnten ihn damals nicht davon überzeugen, dass allein die Wissensvermittlung im Vordergrund steht. Umso schöner, dass wir nach vier Jahren Arbeit nun den Zukunftstag an der List-Schule abhalten.
Was ist der Zukunftstag?
Ein Projekttag für Schulen, bei dem in vier verschiedenen Workshops Wissen vermittelt wird: in den Bereichen Steuern, Finanzen, erste eigene Wohnung und Krankenkasse. Alles Themen, die nach der Schule wichtig sind. Das Wissen wird von Experten aus der jeweiligen Branche vermittelt. Ein Immobilienberater kann am besten Einblicke darin geben, worauf es beim Mietvertrag ankommt. Die Vermittlung solcher Alltagskompetenzen darf nicht nur Aufgabe der Eltern sein. Weil das zur sozialen Ungerechtigkeit führt. Ziel ist, dass der Zukunftstag als verpflichtendes Projekt in der Oberstufe installiert wird.
Was haben Sie erreicht?
Aus unserer „Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung“ ist eine gGmbH geworden. Wir haben seit der Ursprungsidee über 100 Projekte bundesweit durchgeführt und haben acht Mitarbeiter. Besonders stolz macht uns, dass wir Kultusminister Lorz als Schirmherren gewonnen haben. Ab Dezember ziehen wir nach Frankfurt in den Messeturm, was für uns ein besonderer Schritt ist.
Mittlerweile ist die Reihe „Young Economist“ ins Leben gerufen worden. Worum geht es?
Dieses zweite Projekt ist eine Art Berufsorientierung. Schüler hatten uns zurückgemeldet, dass sie jetzt zwar wüssten, wie eine Steuererklärung funktioniert, aber nicht, welchen beruflichen Werdegang sie anstreben. Wir haben die Möglichkeit, mit Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammenzukommen und haben ein neues Format entwickelt: Wir führen Gespräche – mit den Fragen der Schüler. Die Interview-Videos sind dann im Internet zu sehen.
„Hey, Politik, wir müssen über die Rente reden“, lautet ein Spruch auf Ihrer Homepage. Über was sollte geredet werden?
Es muss über das umlagefinanzierte Rentensystem gesprochen werden. Unserer Meinung nach kann es nicht sein, dass das aktuelle Rentensystem mit Milliarden an Steuergeldern finanziert werden muss, während uns das Geld bei Bildung und Infrastruktur fehlt. Wir wollen den jetzigen Rentnern das Geld nicht kürzen, verstehen Sie uns nicht falsch, wir wollen, dass die künftigen Rentner ihr Geld aus einem System erhalten, welches nicht durch Steuergelder subventioniert wird. Das aktuelle System wurde zu einer Zeit gegründet, als fünf Arbeitnehmer einen Rentner finanziert haben. Wir nähern uns aber dem Verhältnis zwei zu eins. Es wird deutlich, dass sich das Modell nicht mehr trägt. Wir brauchen eine Reform. Die Leute leben länger, aber es kommt nicht mehr Geld in die Rentenkasse.
Was ist die Lösung?
Es muss ein selbsttragendes Rentensystem erarbeitet werden, indem wir die Chancen der Wirtschaft und des Aktienmarkts mit einbringen. Ähnlich dem schwedischen Rentenmodel. Das muss jetzt passieren.
Wieso ist das Engagement in einer Initiative besser als in einer Partei?
Das war ja keine Entscheidung gegen Politik, sondern für eine Initiative. Die Vorteile sind, dass wir sofort mit Lösungsansätzen beginnen konnten. Aber wir gehen auch den Weg der Politik.
Inwiefern?
Indem wir Kultusminister für die Idee gewinnen, aktiv an der Politik dran sind, diese Themen im Bildungssystem zu verankern. Das geht nur, wenn wir Lösungen aufzeigen, die funktionieren. Mit Forderungen alleine kann man nicht viel bewegen.
Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Wir sehen, dass wir es geschafft haben, in allen Bundesländern etwas für die soziale Gerechtigkeit gemacht zu haben. Dass wir den Zukunftstag als Pflichtveranstaltung in Schulen etabliert und das Rentensystem reformiert haben.

Zur Person Juri Galkin

Juri Galkin, geboren 1998, kam im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern und Geschwistern aus Russland nach Kassel. Nach dem Besuch der Grundschule in Baunatal besuchte er später die Friedrich-List-Schule in Kassel, wo er 2017 Abitur machte. Dort war er zuletzt Schulsprecher. Er ist Mitgründer der „Initiative für wirtschaftliche Jugendbildung“, inzwischen eine gGmbH, für die er zusammen mit Lorenzo Wienecke paritätisch Gesellschafter ist. (Christina Hein)

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