Leiterin des Kasseler Autismus-Zentrums warnt

Interview zu obskurem Kongress: „Wunderheiler spielen mit Angst“

Kassel. Mit ihrem Versprechen, mit einer Chlorbleiche Aids, Krebs und Autismus heilen zu können, wecken die Veranstalter des vom 24. bis 26. April in Kassel geplanten Wunderheiler-Kongresses „Spirit of Health“ Hoffnungen bei Betroffenen.

Dies bekommen auch die Mitarbeiter des Autismus Therapie- und Beratungszentrums in Kassel (ATB) zu spüren. Wir sprachen mit dessen Geschäftsführerin Katja Dallmann über die Folgen solcher Versprechen.

Welche Auswirkungen hatte die Ankündigung des dreitägigen Wunderheiler-Kongresses in der Stadthalle? 

Katja Dallmann: Seitdem die Veranstaltung im Januar bekannt wurde, melden sich zunehmend Eltern autistischer Kinder und Jugendlicher mit Fragen an uns. Sie wollen wissen, ob die von den Veranstaltern angepriesenen MMS-Tropfen tatsächlich Autismus heilen können.

Wie reagieren Sie? 

Dallmann: Ich rate den Eltern, sich gut zu informieren. Nur zu sagen, dass die Tropfen Humbug sind, hilft den Betroffenen nicht weiter. Ich versuche ihnen zu vermitteln, dass ich ihren Wunsch nach Heilung nachvollziehen kann. Und ich weise darauf hin, dass dieses Medikament nicht zugelassen ist und davor gewarnt wird. Ich jedenfalls könnte mir nicht vorstellen, Kindern eine ätzende Flüssigkeit einzuflößen.

Warum klammern sich Eltern an diese obskuren Heiler? 

Dallmann: Viele Eltern sind ziemlich verzweifelt und deshalb empfänglich. Autistische Kinder sind eine ganz besondere Herausforderung, die Eltern an Grenzen bringen kann. Es gibt aggressive und autoaggressive Tendenzen. Wenn Ihr Kind stundenlang schreit, seinen Kopf gegen die Wand schlägt oder sich die Haare ausreißt, dann wollen Sie einfach nur, dass es aufhört. Die angeblichen Heiler spielen mit den Ängsten und Sorgen der Menschen.

Welche Eltern sind für solche Versprechen anfällig? 

Dallmann: Es sind durchaus auch sehr viele gebildete Menschen, die nach diesen Medikamenten fragen. Sicher sind sie zunächst skeptisch, aber die Heiler treten charismatisch auf und liefern eine Erklärung für die Wirkung ihres Mittels: Bakterien im Darm seien die Ursache für das Leiden und diese würden sich mit den Tropfen bekämpfen lassen. Weil die Veranstalter auf ihr Marketing bauen, bewegt es mich umso mehr, dass die Stadt diesen mit der Stadthalle eine Plattform für ihr Schauspiel bietet. Diese gibt der Veranstaltung einen seriösen Anstrich – eine große Gefahr, wie ich finde.

Gab es Eltern, die die Tropfen ausprobiert haben? 

Dallmann: Mir gegenüber hat das noch niemand eingeräumt. Viele trauen sich aber nicht, sich mit Fragen zum Wundermittel an uns zu wenden. Denn dann müssten sie sich eingestehen, dass der Autismus ihres Kindes sie teilweise überfordert.

Wie kann Autismus tatsächlich behandelt werden? 

Dallmann: Autismus gilt als schwere Entwicklungsstörung. Die Therapie des Betroffenen und die Beratung des Lebensumfeldes sind zeitaufwendig. Für einen Autisten sind beispielsweise Strukturen unglaublich wichtig. Deshalb müssen alle Bezugspersonen so geschult werden, dass sie auf sein Verhalten adäquat reagieren. Weil es dennoch immer wieder Probleme, zum Beispiel in der Schule, gibt, fällt es schwer, optimistisch zu bleiben. Infos: www.autismus-kassel.de

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Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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