Ein Süchtiger äußert sich

Interview zur Onlinespielsucht: "Macht einsam" 

Kassel. Immer online und alles virtuell: In einem Interview erklärt uns ein anonymer Süchtiger aus Kassel, der sich Jens Cracker nennt, seine Sucht.

Der 49-Jährige hat inzwischen Kontakt zu der Online-BeratungsstellewebC@ARE aufgenommen, die von der Techniker Krankenkasse (TKK) unterstützt wird.

Was war für Sie der Reiz an Online-Rollenspielen? 

 Jens Cracker: So genau kann ich das gar nicht sagen. Ich habe schon immer gerne Computerspiele gespielt. Irgendwann wurden die immer besser und realistischer. Das hat mich sehr interessiert. Das Tolle an den Onlinespielen ist, dass man abschaltet und zugleich frei ist. Da nervt dich keiner, da stellt keiner Forderungen und keiner will irgendwas von dir.

Wie haben die Online-Rollenspiele Ihr Leben verändert? 

Cracker: Sie haben mich auf jeden Fall einsamer gemacht. Alle erzählen immer, dass man beim Spielen nicht einsam ist, sondern mit vielen, realen Leuten zusammenkommt. Von wegen: Es geht doch nur um das Spiel. Klar unterhält man sich mal, aber das ist nicht dasselbe. Inzwischen weiß ich, dass ich seit meiner Kindheit mit einem Minderwertigkeitsgefühl lebe. Immer war ich mir und anderen nicht gut genug. Das hat bis heute nicht aufgehört. Ich weiß jetzt, dass ich mir nicht genug wert bin. Im Spiel bin ich nicht der große Typ, der die Ansagen macht. Aber man verlässt sich auf mich, da werde ich gebraucht und da ist es egal, ob ich einen schlechten Tag hatte. Im Spiel ist das dann weg.

Welche Auswirkung hatte die Sucht auf ihr reales Leben? 

Cracker: Ich hatte immer wieder Partnerinnen, die das Zocken eine Zeit lang mitgemacht haben. Irgendwann sind diese Beziehungen gescheitert und ich hatte die Bestätigung, dass ich wieder nicht genug bin. Ich bin dankbar, dass mein Arbeitgeber mich trotz meiner Sucht nicht vor die Tür setzte. Ich merke einfach, dass ich externe Sachen brauche, um mich zu spüren. Für soziale Kontakte bleibt da kaum Zeit. Ein paar gute Freunde habe ich noch, die immer für mich da sind. Dafür bin ich sehr dankbar, zurückgeben kann ich ihnen so eine Freundschaft nicht.

Wie haben Sie ihre Onlinesucht erkannt? 

Cracker: Das Spielen liegt in mir drin. Früher habe ich an Automaten gespielt. Dagegen habe ich dann eine Therapie gemacht und das Glücksspiel gut in den Griff gekriegt. Aber ich habe mich dann nicht so richtig vor die Tür getraut und das Zocken am Computer hat angefangen. Irgendwann habe ich gemerkt, das geht nicht mehr. Ich war immer müde und bin selbst am Arbeitsplatz eingepennt. Dann habe ich angefangen Tabletten zu nehmen, um fit zu sein. Das war der Beginn, ich merkte, hier stimmt was nicht.

Wie gehen Sie heute mit Online-Rollenspielen um? 

Cracker: Ich bin leider noch nicht spielfrei. Aber die Gespräche mit der Beratung webC@RE tun mir gut. In diesem Jahr will ich es mit einer virtuellen Selbsthilfegruppe versuchen. Ich versuche jetzt, täglich nur eine bestimmte Zeit zu spielen.

Von Christiane Geier

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Rubriklistenbild: © dpa

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