Interview mit Finkeldey über Ziele als neuer Präsident der Uni Kassel

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Professor Dr. Reiner Finkeldey

Kassel. Prof. Dr. Reiner Finkeldey ist seit Anfang des Monats Präsident der Uni Kassel. Wir sprachen mit ihm über seinen Start in Kassel und seine Ziele.

Sie sind erst zehn Tage im Amt. Wie ist Ihr erster Eindruck von Kassel? 

Prof. Dr. Reiner Finkeldey: Ich bin ja nicht erst seit dem 1. Oktober hier. Schon seit März war ich mehrfach in der Woche in Kassel, seit September hatte ich schon ein kleines Büro. Mein Eindruck seither ist, dass es eine sehr große Zufriedenheit mit der Entwicklung unter dem bisherigen Präsidium gibt. Zugleich spüre ich eine große Offenheit und die Bereitschaft, sich auf etwas Neues einzulassen. Das freut mich.

An Ihrem ersten Tag gab es gleich einen Geldsegen von 100 Mio. Euro aus Wiesbaden für den 1. Abschnitt des Umzugs der Naturwissenschaften sowie für die Sanierung der Kunsthochschule. Ein schöner Rückenwind zum Start? 

Finkeldey: Das war natürlich eine gute Nachricht - die aber nicht ganz unerwartet für uns kam. Entscheidend ist, dass der Startschuss für den Umzug der Naturwissenschaften jetzt absehbar ist. Das ist ein wichtiges Zeichen, dass die Naturwissenschaften in Kassel langfristig eine bedeutende Rolle spielen werden. Auch die Sanierung der Kunsthochschule ist für uns ausgesprochen wichtig.

Allerdings fehlen ja noch 150 Mio. Euro für die beiden weiteren Bauabschnitte. Wie soll es weitergehen? 

Finkeldey: Ziel muss sein, dass die Übergangsphase, in der ein Teil der Naturwissenschaften schon an den zentralen Campus umgezogen ist und ein Teil noch in Oberzwehren sitzt, möglich kurz bleibt. Klar ist allerdings, dass das gegenwärtige Heureka-Bauprogramm des Landes ausfinanziert ist. Für die nächste Phase nach 2026 muss man deshalb früh in Verhandlungen gehen. Die grundsätzliche Linie, dass die Mathematik und die Naturwissenschaften komplett an den Holländischen Platz verlagert werden, ist in Wiesbaden nicht kontrovers. Bei der Finanzierungszusage ist ausdrücklich die Rede von einem ersten Bauabschnitt - das impliziert, dass es weitergehen soll.

Womit wollen Sie in Ihrer Amtszeit eigene Akzente setzen? 

Finkeldey: In der Forschung halte ich eine Profilierung in einigen wenigen Forschungsschwerpunkten für nötig, die dann mindestens national, aber auch international Strahlkraft haben. Es sollte zwei, drei, vier Bereiche geben, in denen die Uni Kassel einen Medaillenplatz belegt. Bislang ist das Forschungsspektrum in Kassel sehr breit angelegt.

In welchen Bereichen sehen Sie Potenzial? 

Finkeldey: Zum Beispiel in der Nachhaltigkeits- und Umweltforschung - und es liegt nicht nur an meinem eigenen Forschungshintergrund, dass mir das als Erstes einfällt. Zu diesem Schwerpunkt wird in den ökologischen Agrarwissenschaften ebenso wie in den Ingenieurwissenschaften geforscht. Auch in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften gibt es Potenzial. Es würde also nicht nur ein Fachbereich gestärkt, sondern ein Thema, das transdisziplinär bearbeitet werden kann. Auch die Idee der Tier-Mensch-Beziehungen, hier leitet Kassel ja gerade ein Projekt im Exzellenzprogramm Loewe, halte ich für einen sehr aussichtsreichen Kern. Das ist etwas wirklich Neues, passt als für unsere Gesellschaft sehr relevantes Thema gut zur Uni Kassel und wird in dieser Weise an keiner anderen Universität Deutschlands bearbeitet.

Wenn bestimmte Bereiche gestärkt werden, muss es an anderer Stelle Einschnitte geben … 

Finkeldey: Hier muss man gemeinsam mit der gesamten Universität Ideen entwickeln, wie eine Profilschärfung ohne große Verwerfungen an anderer Stelle umzusetzen ist. Die Lehre darf man nicht aus dem Blick verlieren. Für die Lehrerausbildung etwa ist es wichtig, dass Kassel in vielen Fächern eine gute Lehre anbietet.

Nach Jahren des starken Wachstums hat die Uni jetzt über 24^.000 Studenten. Wird der steile Anstieg weitergehen? 

Finkeldey: Nein, es läuft auf eine Stabilisierung hinaus. Die Uni hat in etwa ihre Obergrenze erreicht. Abgesehen von einzelnen Studiengängen, die nicht voll ausgelastet sind, ist ein weiteres Wachstum bei den gegebenen Ressourcen kaum noch möglich. Jetzt gilt es, die Größenordnung zu halten und weiter an der Qualität der Lehre zu arbeiten. Entscheidend ist ja nicht die Zahl der Studierenden, die in die Uni reingehen, sondern die Zahl und Qualifikation der Absolventen, die sie verlassen.

Ist es nicht ein wenig undankbar, in einer Phase der Konsolidierung Präsident zu sein? Erfolge sind nicht mehr so leicht sichtbar zu machen. 

Finkeldey: Vielleicht spiegeln sie sich nicht in so markanten Kennzahlen wie der Studierendenzahl wider. Aber ich will ein qualitatives Wachstum erreichen - und das soll auch erkennbar sein.

Wie denn? 

Finkeldey: Im Studium gibt es da messbare Indikatoren wie die Zahl der Absolventen oder der Studienabbrüche. Was die Forschungsindikatoren angeht, ist mit dem Anstieg der eingeworbenen Forschungsdrittmittel ein guter Einstieg gegeben. Aber die Drittmittel allein sagen wenig über die Erfolge. Über den tatsächlichen Forschungs-Output wissen wir noch zu wenig. Verbesserungspotenzial gibt es auch bei der Nachwuchsförderung: Die Zahl der Promovierenden ist mir mit 180 pro Jahr gemessen an der Zahl der Professoren - nämlich über 300 - zu niedrig. Die Unterstützung des wissenschaftlichen Nachwuchses sehe ich als Teil einer Strategie zur Förderung aller Kolleginnen und Kollegen und Schaffung guter Arbeitsbedingungen. Diesen Fragen werden wir uns im Präsidium mit großem Einsatz widmen.

Zur Person

Professor Dr. Reiner Finkeldey (53) ist seit 1. Oktober Präsident der Uni Kassel. Bereits im Januar war er zum Nachfolger des langjährigen Präsidenten Prof. Dr. Rolf-Dieter Postlep gewählt worden, der jetzt in den Ruhestand gegangen ist.

Reiner Finkeldey stammt gebürtig aus Minden und hat in Göttingen Forstwissenschaften studiert. Nach seiner Promotion forschte und arbeitete er auf den Philippinen, in Thailand, Schweden und der Schweiz. 2001 wurde er Professor für Forstgenetik und Forstpflanzenzüchtung an der Uni Göttingen, seit 2013 war er dort Vizepräsident mit dem Bereich Forschung. Finkeldey ist verheiratet, mit seiner Frau Olympia ist er jetzt nach Ihringshausen gezogen. Der 53-Jährige ist leidenschaftlicher Opern- und Theatergänger und ein Fan des Fußball-Bundesligisten HSV. Zudem zieht es den 53-Jährigen oft in die Natur. Zur Uni fährt er mit dem E-Bike.

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