„Es geht um den Märchenprinzen“

Interview: Psychologin über  Sadomaso-Romanze „50 Shades of Grey“

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Kassel. Die Sadomaso-Romanze „50 Shades of Grey“ ist in den Kinos angelaufen. Volle Kinosäle auch in Kassel.

Angeblich ist der Umsatz bei Erotikshops drastisch angestiegen. Stehen plötzlich wirklich so viele Frauen auf harten Sex mit Peitschen, Handschellen und Schmerzen? Darüber sprachen wir mit Diplom-Psychologin und Psychologischer Psychotherapeutin Agnieszka Unger, die an der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz des Instituts für Psychologie der Uni Kassel arbeitet.

Können Sie den Rummel um den Film „50 Shades of Grey“ nachvollziehen? 

Agnieszka Unger: Ja. Es geht um schöne Menschen, Reichtum, Macht und Sexualität. Dieses Thema verkauft sich ohnehin immer gut. Aschenputtel kommt zu einem reichen Mann und der entführt sie in eine SM-Welt mit Hochglanzsex. Das hat mit der Realität von SM, mit Gerüchen, dunklen Kellern oder Tränen aber nichts zu tun.

Die Romane und der Film wären folglich nicht so erfolgreich, wenn der Hauptdarsteller über 50 und arbeitslos wäre und einen Bauchansatz hätte?

Unger: Das stimmt. Wenn ein hässlicher und armer Mann solche Sex-Praktiken vorzieht, dann würden das die meisten als pervers bezeichnen. Wenn er sich dann auch noch eine junge Frau als Partnerin wählt, assoziiert man das mit Kidnapping und Entführung.

Aber der Absatz von Sexspielzeugen und SM-Zubehör wie Kabelbinder soll aufgrund der Kinopremiere gewaltig gestiegen sein. 

Unger: Sexshops laufen ohnehin immer gut. Die Nachfrage nach Sexspielzeug gab es auch schon vor „50 Shades of Grey“. Allerdings wird derzeit sehr viel Werbung für den Film gemacht. Und da wir in einer Konsumgesellschaft leben, steigt dann auch der Umsatz in Sexshops an. Das hängt vielleicht auch mit dem Valentinstag zusammen. Auch vor Weihnachten steigt die Nachfrage nach Erotikartikeln.

Wenn die ganzen Fans des Romans/Films gar nicht auf harten Sex stehen, worum geht es dann? 

Unger: Es geht um den Traum vom Märchenprinzen. Die Tendenz geht doch immer noch zu dem Prinzessinnending. Barbie und Lillifee sind angesagt. Nicht eine unabhängige Göre wie Pippi Langstrumpf, die ihr eigenes Geld hat und keinen Milliardär braucht. Viele Frauen träumen von einem starken, reichen und erfahrenen Mann, von einem anderen Leben, in dem sie auch selbst begehrenswerter sind. Aber wer lernt schon einen Milliardär kennen, der einem guten Sex anbietet und dann auch noch gut aussieht?

Sie haben auch mit Patienten zu tun, die SM-Praktiken bevorzugen.

Unger: Viele Menschen, die SM ausleben, kommen nicht zur Therapie. Zu mir kommen nur jene, die daran erkrankt sind. Bei SM ist die Freiwilligkeit ganz wichtig. Freiwilligkeit hört dort auf, wenn einer der Beteiligten unter den Praktiken leidet. Viele Frauen, mit denen ich in der Therapie gearbeitet habe, sind in ihrer Kindheit sexuell missbraucht bzw. misshandelt worden. Solche Erfahrungen in der Kindheit spielen durchaus eine Rolle. Viele praktizieren SM, weil sie meinen, nur durch Schmerz zum Orgasmus kommen zu können.

Also raten Sie davon ab, die bei „50 Shades of Grey“ gezeigten Sexualpraktiken umgehend im eigenen Schlafzimmer nachzumachen? 

Unger: Ich würde von einer Kopie von eins zu eins unbedingt abraten. Nur weil ich mich als Häschen verkleide und eine Peitsche dabeihabe, bedeutet das nicht, dass ich einen Orgasmus bekomme. Die Gefahr der Enttäuschung ist einfach sehr groß.

Haben Sie dennoch einen Tipp, wie Paare ihr Sexualleben aufregender gestalten können? 

Unger: Das Thema Nähe gestaltet sich für jeden Menschen unterschiedlich. Je langsamer sich aber zwei Menschen annähern und zulassen, sich zu erkunden, desto mehr Platz entsteht für Fantasien.

Gehen viele Frauen in den Film, weil sie enttäuscht von den echten Männern sind?

Unger: Viele junge Männer wissen einfach nicht mehr, wie sie sich einer Frau annähern sollen. Sie lernen oft nicht mehr, wie man Kontakt aufbaut und wie man auch Unsicherheiten aushalten kann. Sie kennen die Spannung während eines gemeinsamen Tanzes nicht mehr und lernen nicht das Werben um eine Frau. Das liegt sicher auch daran, dass heutzutage überall Pornos angeschaut werden können, wo es nur um Rein und Raus geht. Vor dem Computer erfährt man aber nicht, was eine Frau wirklich will.

Die meisten Frauen träumen eben doch davon, umworben zu werden? 

Unger: Sie wollen charmant eingeladen werden von einem Mann, der gleichzeitig auch noch gut küssen kann. Wahres Begehren kann man aber nicht kaufen, das kann man nur erleben, indem man eine Beziehung aufbaut. Das wissen übrigens auch die Pippi Langstrumpfs dieser Welt.

Zur Person

Agnieszka Unger Foto:  nh

Die Psychologische Psychotherapeutin Agnieszka Unger (36) leitet geschäftsführend seit 2012 die Psychotherapeutische Hochschulambulanz der Universität Kassel. Die gebürtige Polin machte Abitur in Berlin und studierte Psychologie an der Freien Universität Berlin und an der Adam Mickiewicz Universität Posen (Polen). Im Institut für Psychotherapeutische Aus- und Weiterbildung der Medizinischen Hochschule Hannover beschäftigte sich Unger auch mit dem Thema Sadomaso. Sie bot eine Einzel- und Gruppentherapie sowie Sprechstunden für komplexe posttraumatische und dissoziative Störungen an. Unger ist ledig und lebt in Kassel.

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