„Religiöse Analphabeten“

Dieser Mann holt radikalisierte Jugendliche aus der Szene

Kassel. Über Jugendliche, die sich dem Dschihad anschließen, sprachen wir mit Thomas Mücke vom Violence Prevention Network.

Der Verein betreut radikalisierte Jugendliche und deren Familien und leistet Präventionsarbeit.

Wie kann man erkennen, wenn Jugendliche sich dem radikalen Islamismus zuwenden?

Thomas Mücke: Häufig ändern sich die Lebensgewohnheiten der Kinder. Sie brechen alte Kontakte ab, schauen sich salafistische Seiten oder Hassprediger im Internet an und verfallen in ein Schwarz-Weiß-Denken. Mädchen tragen manchmal plötzlich Kopftuch oder Schleier. In einigen Fällen passiert die Radikalisierung aber auch völlig unauffällig. Möglicherweise fordert die Szene, die die Jugendlichen rekrutiert, sie inzwischen dazu auf, die Veränderung nicht nach außen zu tragen. Das macht uns Sorge, weil es dann schwierig ist, rechtzeitig zu reagieren.

Gibt es Jugendliche, die besonders anfällig sind?

Thomas Mücke

Mücke: Es gibt typische Fälle, trotzdem muss man sich jeden Jugendlichen einzeln anschauen. Viele sind aus ausländischstämmigen Familien, aber zehn bis 15 Prozent sind auch Deutsche ohne Migrationshintergrund. Allen gemeinsam ist, dass sie vorher wenig Kenntnisse über den Islam hatten. Sie sind religiöse Analphabeten. Von der salafistischen Szene erhalten sie erste Informationen zum Islam und übernehmen diese unhinterfragt. Oftmals haben die Jugendlichen ein nicht so hohes Bildungsniveau und Brüche im Lebenslauf. Viele fühlen sich sozial abgehängt. Bei den deutschen Jugendlichen fehlt oft der Vater. Die charismatischen Führer der Salafistenszene stellen für sie eine Vaterfigur dar.

Wie verläuft eine typische Radikalisierung?

Mücke: Meist werden die Jugendlichen durch Gleichaltrige hineingezogen. Allein über das Internet radikalisieren sich die wenigsten, es braucht fast immer den persönlichen Kontakt. Die Rekrutierung kann an jedem Ort stattfinden – keineswegs nur in der Moschee, sondern auch in der Schule oder im Fitnesscenter. Die Szene rekrutiert sehr aggressiv, die missbrauchen gezielt Identitätskrisen von Jugendlichen, um sie zu Soldaten zu machen.

Wie sollten Eltern oder Lehrer reagieren?

Mücke: Auf jeden Fall sofort an die Beratungsstelle wenden. Denn es kann Schlimmes passieren, und oft geht es sehr schnell, innerhalb weniger Wochen. Da braucht es professionelle Hilfe. Wir arbeiten derzeit in Hessen mit 30 gefährdeten Jugendlichen und Syrienrückkehrern. Bisher ist es uns immer gelungen, mit ihnen einen Kontakt aufzubauen, es ist noch keiner rückfällig geworden. Die Arbeit mit den Betroffenen zieht sich aber zum Teil über Jahre hin. Wir müssen sie wieder in die Gesellschaft integrieren, sie in Ausbildung oder Arbeit bringen. Die Jugendlichen, die in Syrien waren, sind zudem oft traumatisiert.

Was kann man präventiv tun?

Mücke: Wichtig sind religiöse Bildung und die Aufklärung über die Methoden der Extremisten. Wir machen dazu Workshops in Schulen, aber auch Moscheen. Auch die Vermittlung interreligiöser Toleranz ist sehr wichtig.

Zur Person: Thomas Mücke 

Thomas Mücke (56) ist Pädagoge und Politologe. Er hat die im vergangenen Juli eröffnete hessische Beratungsstelle „Religiöse Toleranz statt Extremismus“ mit aufgebaut, die zum bundesweit tätigen Violence Prevention Network (VPN, deutsch: Gewältpräventions-Netzwerk) gehört. Mücke ist Mitbegründer und Geschäftsführer des VPN. Er ist ledig und lebt in Berlin. 

Kontakt zur Beratungsstelle Hessen, Tel. 069/27 29 99 97, E-Mail: hessen@violence-prevention-network.de, Hotline für Angehörige: 069/26 91 85 97.

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Rubriklistenbild: © AFP

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