„Kann ein Vorbild sein“

Interview: Türkischstämmige Lehrerin spricht über die Pisa-Studie und Vorurteile

Kassel. Laut aktueller Pisa-Studie sind die Leistungen von Schülern in Deutschland noch durchwachsen: Im Bereich Lesekompetenz schneiden 15-Jährige im Vergleich zu anderen Industriestaaten nur mittelmäßig ab.

Die soziale Herkunft hat immer noch großen Einfluss auf die schulischen Leistungen. Kinder mit ausländischen Wurzeln erbringen immer noch deutlich schlechtere Resultate als ihre deutschen Mitschüler. Wir haben mit der türkischstämmigen Grundschullehrerin Fatma Dülger über die Gründe dafür gesprochen.

Wie stark beeinflussen Herkunft und Umfeld die Lesekompetenz von Schülern?

Fatma Dülger: Lesekompetenz hat immer etwas mit dem Bildungshintergrund der Eltern zu tun, nicht mit der Herkunft. Eltern mit höherem Bildungshintergrund lesen mehr und besitzen einen größeren Wortschatz. Viele Migranten kommen als wirtschaftliche Flüchtlinge aus dem ländlichen Raum. Mein Vater hätte seine Heimat nicht verlassen, wenn er eine wirtschaftliche Perspektive gehabt hätte. Er war Bauer und konnte gerade lesen und schreiben, meine Mutter war Analphabetin.

Aus welcher Schicht kommen türkische Migranten, die in Deutschland leben?

Dülger: Nur wenige Eltern meiner Schüler an der Carl-Anton-Henschel-Schule haben studiert. Ich unterrichte hauptsächlich Kinder aus finanzschwachen Familien an der Holländischen Straße.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit in Deutschland?

Dülger: Ich habe keinen Kindergarten besucht. In der Grundschule waren wir türkischen Kinder in einer gesonderten Klasse, um Deutsch zu lernen. Anfang der 70er-Jahre gab es in unserer Wohngegend wenig Migranten. Ich habe viel mit deutschen Kindern auf dem Spielplatz gespielt und die deutsche Sprache gelernt. Meine Eltern waren sehr liberal, und mein Vater war begeistert, dass Mädchen hier so erzogen werden können wie Jungen.

Wie haben Sie Ihre Schulzeit erlebt?

Dülger: Mit dem Ende der vierten Klasse wechselte ich mit bedingter Eignung auf ein Gymnasium. Dort hatte ich eine wunderbare Klassenlehrerin, die mir Nachhilfe organisierte und mich mit Literatur versorgte. Ich las jedes Buch, das sie mir vorschlug, habe später das Abitur gemacht und studiert.

Mit welchen Problemen hatten Sie zu kämpfen?

Dülger: Ich bin oft auf Ausländerfeindlichkeit gestoßen. Eine Schulamtsdirektorin in Friedberg, bei der ich nach einer Stelle gefragt habe, sagte zu mir: „Frau Dülger, Sie haben zwar Ihr Zweites Staatsexamen bestanden, aber können Sie auch richtig Deutsch?“ Dieses Verhalten hat mich damals zutiefst erschüttert.

Ich wollte unbedingt an einer Schule mit Migrantenkindern unterrichten, weil ich glaube, dass ich den Kindern viel geben kann. Ich kann ein Vorbild für sie sein, kann sie motivieren und ihnen das Gefühl nehmen, weniger wert zu sein. Außerdem ist das Vertrauen der Eltern zu mir wegen meiner Sprachkenntnisse höher.

Welche Möglichkeiten haben Schulen, Kinder mit ausländischen Wurzeln zu fördern?

Dülger: Lesen ist besonders wichtig für die Entwicklung des Wortschatzes. Deshalb muss den Kindern das Lesen schon früh nahegelegt werden, sowohl im Deutschen als auch im Türkischen. Studien belegen, dass es Kindern, die ihre Muttersprache beherrschen, leichter fällt, Fremdsprachen zu erlernen. Deshalb sollten Schulen den zweisprachigen Unterricht unbedingt fördern.

Von Alia Shuhaiber

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