„Zwang zu raschem Arzttermin kommt“

Interview mit Arzt und  Krankenkassen über drohenden Hausarztmangel

Im Gespräch: Dr. Ingo Niemetz (links) und der Regionalgeschäftsführer der Barmer GEK, Michael-Arne Schüssl. Foto: Ludwig

Kassel. In Stadt und Kreis Kassel droht der Hausärztemangel: Nach Daten der Kassenärztlichen Vereinigung sind in unserer Region schon über 70 Prozent der Mediziner über 50 Jahre. Über die Ursachen und Lösungen sprachen wir mit einem Vertreter der Mediziner und der Krankenkassen.

Dem Streitgespräch stellten sich der Kasseler Arzt Dr. Ingo Niemetz und der Geschäftsführer der Barmer GEK Kassel, Michael-Arne Schüssl.

Laut Kassenärztlicher Vereinigung müssen bis 2020 etwa 40 Prozent der 300 Hausarztpraxen in Stadt und Kreis Kassel neu besetzt werden. Gibt es genug Nachfolger? 

Dr. Ingo Niemetz:  Nein, es fehlt der Nachwuchs. Noch ist es für Patienten kein Problem, zum Hausarzt zu gehen, aber das wird sich ändern. Derzeit versorgt jeder Hausarzt in Kassel und der Region im Schnitt 1000 Patienten. Mit jedem Wegfall einer Praxis müssen diese Patienten auf die noch bestehenden Praxen verteilt werden.

Werden es mit dem demografischen Wandel nicht auch weniger Patienten? 

Niemetz:  Es werden nicht weniger, sondern kränkere Patienten. Mit der Lebenserwartung steigt auch das Krankheitsrisiko.

Michael-Arne Schüssl:  Wir brauchen eine andere Verteilung der Mediziner: 40 Prozent sind Hausärzte und 60 Prozent Fachärzte. Die Hausärzte spielen aber eine wichtige Rolle als erste Anlaufstelle und wichtige Schnittstelle. Wir diskutieren die drohende Unterversorgung, aber wir müssen auch über die Überversorgung reden - für die Stadt und den Landkreis Kassel trifft das nicht zu, aber die großen Ballungszentren sind auch für Ärzte sehr attraktiv.

Sind weniger Fachärzte eine Lösung?

Niemetz: Fragen Sie mal einen Patienten, wie schnell er einen Platz bei einem der angeblich zu vielen Ärzte oder Psychotherapeuten bekommt. Die Bewertungsgrundlagen dieser Zahlen sind überaltert.

Schüssl: Um die hausärztliche Versorgung zu sichern, sollte die Kassenärztliche Vereinigung frei werdende Arztsitze aufkaufen. Damit lässt sich steuern, wo sich Ärzte niederlassen.

Niemetz:  Durch eine geschlossene Praxis in der Stadt haben Sie noch keinen Arzt im Landkreis zusätzlich.

Schüssl: Stimmt, aber Arztsitz muss nicht gleich Wohnsitz sein.

Zurück zum Hausarztmangel. Wo liegen die Ursachen? 

Niemetz: Wir haben genug Medizinstudenten, doch nur die Hälfte widmet sich nach der Ausbildung der Patientenversorgung in Deutschland. Viele gehen ins Ausland oder die Forschung, wo Arbeitsbedingungen und Bezahlung besser sind. Zudem müssen Ärzte hierzulande zu viel Bürokratie bewältigen, was die Belastung unnötig erhöht.

Schüssl: Viele junge Mediziner scheuen auch das unternehmerische Risiko einer eigenen Praxis. Deshalb müssen wir die Struktur der Versorgung ändern. Wir brauchen größere Behandlungseinheiten. Sinnvoll sind Praxisgemeinschaften oder ambulante Versorgungszentren auch an den Kliniken. Viele Krankenhäuser schreiben rote Zahlen, für die ist das auch eine Möglichkeit, sich zu finanzieren.

Können ambulante Klinikzentren Hausärzte ersetzen?

Niemetz: Nein, die Ärzte wechseln und die Versorgung findet nur im Krankenhaus statt, nicht aber dort, wo der Bedarf ist. Es fehlt das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient.

Schüssl: Das Vertrauensverhältnis ist wichtig, hier geht es aber um die Sicherstellung.

Wie lässt sich sicherstellen, dass auch in zehn Jahren jeder ohne langes Warten seinen Hausarzt sprechen kann? 

Niemetz: In Deutschland haben Patienten ungehinderten Zugang zum Arzt. In anderen Ländern ist das stärker reguliert. Bei uns funktioniert die Krankenkassenkarte wie ein ungedeckter Scheck. Sie können damit so oft sie wollen zum Arzt gehen, dessen Honorierung ist aber gedeckelt.

Schüssl: Der Patient entscheidet, wann er zum Arzt geht. Das ist ein hohes Gut. Eine Ausnutzung lässt sich verhindern, in dem mehr Informationen auf der elektronischen Gesundheitskarte hinterlegt werden. Heute sind darauf nur wenige Daten über den Patienten gespeichert. Könnte der Arzt dort auch Diagnosen seiner Kollegen und Röntgenberichte abrufen, würde dies teure Doppelbehandlungen verhindern.

Viele Menschen beobachten eine Ungleichbehandlung von Privat- und Kassenpatienten. 

Schüssl: Der von der Politik diskutierte Zwang, nachdem Fachärzte innerhalb von vier Wochen einen Termin anbieten müssen, wird kommen. Es kann nicht sein, dass der Status eines Versicherten über den Zeitpunkt seiner Behandlung entscheidet.

Niemetz: Notfälle erhalten immer sofort einen Termin. Schon aus ethischen Gründen würde ein Arzt dies niemandem verweigern. In weniger dringenden Fällen erfolgt die Vergabe anhand freier Termine. Ärzte müssen Personal und Miete bezahlen, also ist es verständlich, dass für 13 Euro im Monat pro Kassenpatient nicht unbegrenzt Termine vergeben werden können.

Hatten Sie je Probleme, einen Arzttermin zu bekommen? 

Schüssl:  Ich melde mich dort nie als Chef der Barmer und bin trotzdem mit der Versorgung sehr zufrieden.

Niemetz: Ich kenne viele Kollegen und wenn ich dies gut begründen kann, bekomme ich sofort einen Termin.

Von Bastian Ludwig

 

Zu den Personen

• Dr. Ingo Niemetz  (47) ist unter anderem Facharzt für Innere Medizin. Er ist Vorsitzender des Hartmannbundes Hessen. Niemetz ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Kassel.

• MICHAEL-ARNE SCHÜSSL (58) ist Regionalgeschäftsführer der Barmer GEK in Kassel. Er ist verheiratet, hat ein Kind und lebt in Schwalmstadt.

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