Mit Seilbahnen und viel Grün

„Einkaufen muss ein Erlebnis sein“ - Expertin berichtet über Innenstadt der Zukunft

Innenstadt der Zukunft: Mit Seilbahn, Plätzen zum Verweilen, Wohnraum, viel Grün und Kugeln, über die alle abstimmen können, was als nächstes kommen soll.
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Innenstadt der Zukunft: Mit Seilbahn, Plätzen zum Verweilen, Wohnraum, viel Grün und Kugeln, über die alle abstimmen können, was als nächstes kommen soll.

In Kassels Innenstadt hat sich zuletzt viel getan. Wie aber wird sie im Jahr 2030 aussehen? Bozana Vrhovac vom Fraunhofer-Institut hat sich damit befasst, wie sich Zentren wandeln und entwickeln.

Sie ist auch an einem Verbundprojekt mit Akteuren der Industrie, der Forschung und der Kommunen beteiligt, das sich „Innenstadt 2030+ Future Public Space“ nennt. Das Ergebnis sei auch wegen der unterschiedlichen Einblicke sehr aussagekräftig, sagt sie. Die Perspektive der Forschung trifft dabei auf die Sichtweise der Partner aus der Praxis, die Innenstadt gestalten.

Frau Vrhovac, Sie haben mit Kollegen die Innenstadt der Zukunft entworfen. Wie hat man sich die Zentren im Jahr 2030 vorzustellen?
Die Innenstadt 2030 wird ein experimentierfreudiger Ort, adaptiver, als sie es jetzt ist.
Das heißt, man geht in Zukunft durch eine Innenstadt und wird dort nicht nur in erster Linie Einzelhandel vorfinden?
Genau. Es geht tatsächlich über den klassischen Einzelhandel hinaus, der lange Zeit stark prägend war für die Innenstadt. Aber das ist eben nicht mehr so. Corona hat den Prozess beschleunigt. Das ist aber nur ein Aspekt. In Hinblick darauf, dass Flächen in der Innenstadt einfach knapp sind, werden wir es verstärkt mit einer Multifunktionsnutzung von Flächen zu tun haben. Das bedeutet ständigen Wandel durch flexible Nutzung.
Wenn ich also am ersten Samstag des Monats in die Innenstadt gehe, erwartet mich etwas anderes als zwei Wochen zuvor?
Ja, dann gibt es vielleicht einen anderen Laden, ein anderes Event. Das hat auch damit zu tun, dass es nicht mehr so starre Mietkonzepte geben wird wie heute. Es wird nicht mehr so sein, dass man sich als Mieter in der Innenstadt für lange Zeit verpflichtet. Das ist ein altes Denken. Die heutige Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist, lebt mit der Veränderung, alles geht schneller. Das muss auch auf das Konzept der Innenstadt übertragen werden. Wobei das nur bis zu einem gewissen Maße geht, weil die Baubranche nicht so dynamisch ist. Aber auch sie kann an Dynamik gewinnen.
Einzelhandel wird nicht mehr die absolut beherrschende Rolle spielen in der Innenstadt, trotzdem wird auch er sich ja verändern. Wie genau?
Es geht darum, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die Leute wollen halt nicht mehr so einkaufen wie in den 90ern. Ein gutes Beispiel ist H&M. Dieser Laden hat sich einfach nicht verändert in den vergangenen 20 Jahren. Als ich Kind war, sah der Laden so aus wie heute. Aber heute haben die Menschen ein anderes Bedürfnis – allein schon, was die Raumgestaltung angeht. Aber auch die Präsentation der Waren muss sich ändern. Einkaufen muss heute ein Erlebnis sein, und die Angebote müssen sich vermischen. Sie sollen nicht mehr strikt getrennt sein: hier Klamotten, dort Lebensmittel. Die Menschen, das zeigen auch die Umfragen, wünschen sich eine Flexibilität an Angeboten. Das ist etwas, was der Einzelhandel bedenken muss. Hinzu kommt noch ein Aspekt.
Nämlich?
Zu bedenken ist auch: Die Nachfrage nach Regionalem steigt – vor allem bei Lebensmitteln. Da gibt es den Wandel hin zur Förderung der lokalen Anbieter. Dieser Trend begegnet einem aber durchweg. Da ist auch die Textilindustrie nicht von ausgenommen. Manchmal geht es dabei aber nicht nur um neu produzierte Güter, sondern um Second-Hand-Waren. In Schweden gibt es jetzt zum Beispiel schon eine ganze Shopping-Mall nur mit Second-Hand-Produkten. Da bekommt man alles aus zweiter Hand. Es geht darum, Kreisläufe zu schließen.
Hier in Kassel ist der Kaufhof, der nun Galeria heißt, umgestaltet worden. Er ist heller als früher, bietet Plätze zum Verweilen an, und die Stadt ist vertreten, damit die Menschen dort bürokratische Angelegenheiten regeln können. Erleben wir hier schon ein Stück Zukunft?
Das kann die Zukunft sein, in der es auch darum geht, unterschiedliche Funktionen zu verbinden – wie hier die städtischen Angebote mit denen eines Kaufhauses. Man soll eben nicht mehr nur ins Rathaus gehen, um bestimmte Dinge zu erledigen, sondern man soll das auch während des Einkaufens machen können. Der Trend geht eben auch zur Dezentralisierung. Bei den Post-Angeboten spüren wir das ja schon länger.
Was kann die Menschen fernab davon noch in die Innenstadt der Zukunft locken?
Tatsächlich sprechen wir hier über Events und die Steigerung der Aufenthaltsqualität. Der öffentliche Raum in der Innenstadt wurde zuletzt oft vernachlässigt, dabei ist er sehr wichtig. Es geht darum, die Flächen aufzuwerten – mitunter mit simplen Dingen wie Sitzbänken oder einer Begrünung, die sich auch mit dem Thema Gardening verbinden lässt. Das geht sehr stark in die funktionale Richtung und um den bewussten Umgang mit Fläche.
Hat das Gardening, also das Bewirtschaften der Fläche, auch damit zu tun, dass in der Innenstadt der Zukunft Wohnen eine größere Rolle spielen wird?
Ja. Dass Wohnen lange Zeit in Innenstädten nicht präsent war, hat auch mit dem Baurecht zu tun, das dafür gesorgt hat, dass dieses Thema dort eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Aber da gibt es mittlerweile Verschiebungen, die einen Spielraum und damit Belebung schaffen. Das passt dazu, dass man Stadt auch in Zukunft mehr erlebt: dass man sich dort trifft, dass man dort seinen Kaffee trinkt, dass man draußen ist.
In Kassel fährt die Tram durch die Fußgängerzone. Hat das Zukunft?
Per se ist es so, dass ein guter ÖPNV positiv zu bewerten ist, weil er einfach ermöglicht, mehrere Menschen zu transportieren und dadurch weniger Fläche und Emissionen zu gebrauchen. Zumal es sehr schwierig ist, in einer gebauten Umwelt neue Infrastrukturen zu schaffen. Es ist schwer, neue Tramstrecken zu bauen oder vorhandene zu verlängern. Deshalb kommt in unserem Modell auch eine Seilbahn vor – eine Verlagerung in der Luft. Die passt nicht unbedingt in jede Stadt, aber sie ist praktisch: nimmt nicht viel Platz weg und lässt sich schnell bauen. Es ist eine Möglichkeit, wie man den ÖPNV urban denken kann.
Welche Rolle wird das Auto noch spielen beim Blick auf die Innenstadt 2030?
Das Auto wird nicht verschwinden, weil es ein Alleinstellungsmerkmal hat. Aber man wird sich in Zukunft nicht leisten können, so stark auf das Auto zu setzen. Es wird weniger, weil es weniger Fläche für ruhenden Verkehr geben wird, gleichzeitig wird der ÖPNV attraktiver.
Die Entwicklung der Innenstädte geht einher mit der Digitalisierung. Zu welchen Veränderungen kann das noch führen?
Sie kann dabei helfen, Innenstädte zum Erlebnisort zu machen. Sie kann die Verweilqualität steigern, indem sie dabei hilft, einen schnellen Überblick über die Angebote zu bekommen – und über die Veränderung der Angebote. Ich werde dadurch schneller mitbekommen, wo was läuft. Außerdem kann die Stadt dadurch viel demokratischer werden. Wir haben in unser Modell zum Beispiel drei Kugeln eingearbeitet, die sich durch Berührung bedienen lassen und die für einen Abstimmungsprozess stehen. Damit können die Menschen abstimmen, welche Veranstaltung und Aspekte sie sich in naher Zukunft in der Stadt wünschen. Sie können sich so viel aktiver in die Stadtgestaltung einbringen.
Lässt sich sagen: Die Innenstadt, die sich jetzt nicht verändert, ist bald tot?
Die Transformationsprozesse kommen, keine Frage. Komplett so weiterzumachen wie bisher, ist schwierig. Die aktuellen Leerstände müssen die Innenstädte als Chance begreifen, sie dürfen sich Neuem nicht querstellen. Wie das im Einzelnen aussieht, hängt von den Kommunen ab: von der Größe, von der Lage. Wichtig ist auch, dass nicht überall alles umgesetzt werden muss, um Erfolg zu haben, sondern die Veränderungen an die Begebenheiten der Städte angepasst werden müssen. (Florian Hagemann)

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