„Wir verachten Gewalt“

Vertreter der muslimischen Gemeinden in Kassel im Interview

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Muslimisches Leben in Kassel: Zur Eröffnung der Moschee in Oberzwehren im Mai vergangenen Jahres waren viele Gäste aus dem öffentlichen Leben eingeladen. Die Ditib-Gemeinde lädt zudem regelmäßig zum Tag der offenen Tür.

Nach dem Terror in Paris haben auch hier viele Angst vor Anschlägen. Zugleich wachsen Vorbehalte gegen den Islam, wie auch die Kagida-Demonstrationen in Kassel zeigen.

Wir sprachen mit dem Vertreter der muslimischen Gemeinden im Rat der Religionen in Kassel.

Der islamistische Anschlag in Paris sorgt weltweit für Entsetzen. Wie wird er von den Muslimen in Kassel aufgenommen? 

Mahmut Eryilmaz: Wir Muslime sind genauso geschockt wie die Nicht-Muslime. Der Anschlag in Paris ist eine menschenverachtende Tat, ein Angriff gegen die Menschlichkeit. Bluttaten, bei denen Gewalt im Namen der Religion angewendet wird, verachten wir.

Der Terror radikaler Islamisten beherrscht seit Monaten die Nachrichten. Wie stark leidet das öffentliche Bild des Islam darunter? 

Eryilmaz: Das leidet schon seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Das war der Startschuss, mit dem radikale politische Ansichten, die die Religion für ihre Ziele missbrauchen, pauschal dem Islam zugeschrieben wurden. Leider gab es seitdem viele Attentate, die dazu geführt haben, dass sich auch in Deutschland eine anti-islamische Strömung gebildet hat. Doch das Bild des Islam, das dabei vorherrscht, ist verzerrt. Wir können nur versuchen, durch den Dialog vor Ort etwas Positives dagegenzusetzen.

Was meinen Sie damit? 

Eryilmaz: Wir sind seit Jahren bemüht, Gespräche und Begegnungen zwischen den Religionen anzustoßen. Nicht nur in Kassel, sondern an vielen Orten in der Welt, gibt es hier viele positive Entwicklungen. Darüber wird in den Medien selten berichtet, sondern meist nur über den Terror. Da fehlt mir ehrlich gesagt das Gleichgewicht. Aber wir einfachen Muslime haben keinen Einfluss auf die große mediale Maschinerie.

Es gibt bisher allerdings nur wenig öffentliche Abgrenzung seitens der Muslime gegen den Terror, der im Namen des Islam begangen wird. Viele Menschen würden sich zum Beispiel mal eine muslimische Demonstration dagegen wünschen. 

Eryilmaz: Das passiert zwar, aber im Zusammenschluss mit anderen Bündnissen. Bei der großen Anti-Kagida-Demo Ende Dezember waren viele Vertreter von Moscheevereinen dabei ...

... wobei es da nicht um eine Abgrenzung von islamistischem Terror ging, sondern um ein Zeichen gegen Fremden- und Islamfeindlichkeit. 

Mahmut Eryilmaz

Eryilmaz: Das stimmt zwar. Allerdings sind die Moscheevereine am runden Tisch der Religionen aktiv und tun dort immer wieder ihre Meinung kund. Vielleicht gehen wir zu sehr davon aus, dass jedem bekannt ist, dass wir für einen friedlichen Islam stehen und für die Freundschaft der Religionen. Es ist so, dass sich viele Muslime in Kassel beheimatet fühlen. Wir sehen uns als deutsche Muslime. Wir fühlen uns hier nicht fremd, werden aber von außen als Migranten wahrgenommen. Damit, dass wir immer wieder in solche Schablonen gepresst werden, sind wir nicht einverstanden.

Seit Dezember gibt es auch in Kassel Demonstrationen gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes. Wie wird das seitens der Muslime in Kassel aufgenommen?

Eryilmaz: Wir sind besorgt deswegen. Was diese Gruppierung vorbringt, entspricht nicht der Realität. Eine Islamisierung Europas gibt es nicht, und sie steht auch nicht bevor. Für uns ist Deutschland unsere Heimat und wir möchten hier zwar unsere Religion ausüben. Aber wir respektieren dabei jede andere Religion. Der Islam ist nicht darauf ausgelegt, dass man missioniert oder andere Religionen ablehnt. Wenn sich in den Köpfen der Menschen festsetzt, dass die Ziele der Radikalen und Terroristen die Ziele des Islam seien, ist das falsch und schlimm. Wir müssen uns öfter begegnen, um solchen Missverständnissen vorzubeugen.

Auch in Kassel werden allerdings einzelne muslimische Gemeinden vom Verfassungsschutz beobachtet. 

Eryilmaz: Dass es vereinzelte extremistische Tendenzen gibt, mag sein. Zum Glück gibt es dafür die Sicherheitsbehörden, die uns Muslime ja genauso vor so etwas schützen. In den Augen solcher Islamisten sind wir übrigens auch keine wirklichen Muslime. Es gibt da keinerlei Kontakte oder Annäherungspunkte. Das sind radikalisierte, in sich geschlossene Gruppen. Das darf man nicht mit dem Islam in Kassel gleichsetzen.

Von Katja Rudolph

ZUR PERSON

Mahmut Eryilmaz (27) ist Vertreter der muslimischen Gemeinden im Rat der Religionen in Kassel. Er selbst gehört der türkisch-islamischen Ditib-Gemeinde in Oberzwehren an, deren Dialogbeauftragter er ist. Eryilmaz studiert an der Uni Kassel Politikwissenschaften im Masterstudium. Er ist in Kassel geboren, seine Eltern leben seit über 35 Jahren in Kassel. Der 27-Jährige ist ledig. Der Rat der Religionen der Stadt Kassel wurde 2011 gegründet. Er soll den Dialog zwischen den Religionsgemeinschaften und der Stadt fördern.

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