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„Ein Regime, das sein Volk tötet“: Kasseler Chefärztin über die Proteste im Iran

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Von: Melanie Göhlich

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Eine maskierte Frau hält das Bild der jungen Kurdin Jina Mahsa Amini in den Händen, die im September 2022 getötet wurde.
Viele Menschen demonstrieren weltweit, solidarisieren sich mit den Aufständen im Iran und trauern um die getötete Kurdin Jina Mahsa Amini. © Annette Riedl

Mutige Iranerinnen und Iraner wehren sich nun bereits seit über drei Monaten gegen die strengen Regeln und Gesetze des Mullah-Regimes, die das öffentliche und das private Leben im Iran prägen und gefährden.

Kassel – Seit die 22-jährige Kurdin Jina Mahsa Amini vor etwas mehr als 100 Tagen im iranischen Polizeigewahrsam starb, dauert die Protestbewegung an. Und das Regime reagiert darauf mit Gewalt. Die ersten Todesurteile sind gefallen, vielen weiteren Inhaftierten drohen Hinrichtungen oder jahrelange Haftstrafen. In Deutschland versuchen Aktivisten und Politiker die Aufmerksamkeit auf die Schicksale im Iran zu richten, unter anderem mit politischen Patenschaften.

Wir sprachen darüber mit der im Iran geborenen Dr. Mehrnoosh Akhavanpoor, die als Chefärztin der Klinik für Plastische, Ästhetische, Rekonstruktive und Handchirurgie in den Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel arbeitet.

Zur Situation in ihrem Geburtsland wird sie sich bei einer Kundgebung am Freitag, 30. Dezember, ab 15.30 Uhr vor dem Kasseler Rathaus äußern.

Frau Akhavanpoor, was kann man tun gegen dieses Unrecht im Iran?

Aus meiner Sicht ist das Wichtigste, nicht wegzuschauen. Ich weiß, dass es in der Welt sehr viel Leid gibt und viele Menschen frustriert sind. Ich höre immer wieder, man schaut keine Nachrichten mehr, denn das alles ist nur belastend, aber genau das ist der falsche Ansatz. Was gerade im Iran geschieht, ist eine sehr bedeutende Bewegung. Dabei geht es um Basisrechte der Menschen. Es ist aber auch ein Kampf gegen ein politisches System, dessen Fokus auf wirtschaftlichen Vorteilen und der Weltordnung liegt

Wie ist das gemeint?

Auch wenn man das nicht gerne hören möchte, werden wir Menschen beherrscht von Regierungen, denen es um Macht und wirtschaftliche Vorteile geht. Es ist unheimlich schwer für Europa und den Westen, davon loszulassen, denn dies würde bedeuten, auf eigene Vorteile zu verzichten zugunsten der Freiheit der Menschen. Deswegen sehe ich in dieser Bewegung eine Chance, dass wir die Welt ein Stück weit verändern können.

Aber wie?

Konkret bedeutet das auch für Deutschland, dass Sanktionen nicht gegen das iranische Volk ausgerichtet werden sollen, sondern gegen Einzelpersonen. Dass die Regierenden auf die Terrorliste gesetzt werden, denn es handelt sich um ein Terrorregime. Es handelt sich um ein Regime, das Vergewaltigung als Strafe und als Machtinstrument nutzt. Ein Regime, das Kinder tötet. Ein Regime, das sein eigenes Volk tötet, um mit aller Macht an der Regierung zu bleiben. Wir in Europa und auch in Deutschland sollten uns klar darüber werden, hinter welchen Werten wir stehen und welche Länder wir mit welchen Werten unterstützen.

Wie kann man aber aktiv helfen?

Die iranische Regierung hat viele Menschen inhaftiert und einige sogar zum Tode verurteilt. Viele Politiker, auch in Deutschland, haben Patenschaften für diese Gefangenen übernommen und dadurch den Tod dieser unschuldigen Menschen verhindert. Auch dies ist ein Ansatzpunkt. Für Abgeordnete hier ist das ein kleiner Schritt, doch es bedeutet das Leben eines Menschen zu retten. Dafür haben wir in Deutschland ParsiMed gegründet. Eine Gruppe aus Ärzten, Apothekern, Therapeuten, Krankenschwestern, Pflegern und vielen weiteren Menschen aus dem Gesundheitswesen, die sich aktiv einsetzen, um durch höchstmögliche Aufmerksamkeit Druck auf das Regime auszuüben. Das Herstellen von Öffentlichkeit ist eine starke Waffe. So wurden bereits 150 politische Patenschaften vermittelt.

Wie geht es Ihnen mit dieser Entwicklung?

Mir persönlich geht es seit Anfang der Revolution sehr schlecht. Ich bin mit neun Jahren nach Deutschland gekommen und habe zuvor die iranische Regierung mit ihrer Brutalität am eigenen Leib kennenlernen müssen. Es gibt viele Tage, an denen ich mich frage, was geschehen wäre, wenn ich im Iran geblieben wäre. Ich bin mir sicher, ich hätte niemals Chefärztin werden können. Frauen werden im Iran in praktisch allen Lebensbereichen benachteiligt. Aber sie haben es satt, als Menschen zweiter Klasse zu gelten. Aus diesem Grund wird die Bewegung nun auch als Revolution der Frauen bezeichnet. Zwar wird schon seit Jahrzehnten der Ruf „Frauen, Leben, Freiheit!“ von der kurdisch-feministischen Bewegung verwendet, aber nie zuvor wurde ihr im Iran eine so breite Unterstützung zuteil. Viele Männer stehen hinter ihnen. Das gibt Mut und ist ein gutes Zeichen.

Haben Sie keine Angst, dass sie nun unter iranischer Beobachtung stehen könnten?

Ich persönlich verspüre keine Angst, denn ich weiß, für welche Werte und Rechte ich kämpfe. Auch wenn mir bewusst ist, dass es genug Menschen auch hier im Westen gibt, die diese Regierung unterstützen. Ich habe schon immer für Ehrlichkeit gestanden, und als Mutter, Ehefrau und Chefärztin sehe ich es als meine Pflicht, mich für Gerechtigkeit und für Menschenrechte einzusetzen.

Zur Person

Mehrnoosh Akhavanpoor (37)

Geboren: im Iran, seit dem neunten Lebensjahr in Deutschland

Ausbildung: Abitur am Kasseler Goethegymnasium, Medizinstudium in Göttingen, seit 2020 Chefärztin der Klinik für Plastische, Ästhetische, Rekonstruktive und Handchirurgie in der Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel

Privates: verheiratet, zwei Kinder

Chefärztin Dr. med. Mehrnoosh Akhavanpoor, Plastische Chirurgin in der Abteilung für Plastische, Rekonstruktive, Ästhetische und Handchirurgie in den Agaplesion Diakonie-Kliniken Kassel
Chefärztin Dr. med. Mehrnoosh Akhavanpoor, Plastische Chirurgin in der Abteilung für Plastische, Rekonstruktive, Ästhetische und Handchirurgie in den Agaplesion Diakonie-Kliniken Kassel ©  Agaplesion Diakonie-Kliniken Kassel

Solidaritätsaufzug gegen die Hinrichtungen im Iran

Der nächste Solidaritätsaufzug gegen die Hinrichtungen im Iran findet am Freitag, 30. Dezember, ab 15 Uhr am Kasseler Hauptbahnhof statt und wird gegen 15.30 Uhr am Kasseler Rathaus eintreffen. 

Proteste im Iran gegen Mullah-Regime dauern an – Politische Patenschaften für Gefangene können Leben retten

Bei den seit September andauernden Protesten im Iran wurden nach iranischen Angaben mehr als 200 Menschen getötet. Internationale Menschenrechtsorganisationen gehen von mehr als 500 Toten aus. Tausende Menschen wurden festgenommen. Im Iran wurden in der Zwischenzeit erste Todesurteile gegen Demonstranten verhängt und erste Verurteilte hingerichtet. Das iranische Regime versucht, die Proteste mit Gewalt niederzuschlagen.

Die Sicherheitskräfte nehmen Demonstrierende fest, setzen Tränengas ein und schießen auf die Menschen in den Straßen. Wer das Geschehen im Iran über die Sozialen Medien verfolgt, stößt seit einigen Wochen vermehrt auf Politikerinnen und Politiker, die politische Patenschaften für Inhaftierte im Iran übernehmen. Politische Patenschaften sind auch eine Initiative der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM). Weitere Informationen zu den Patenschaften unter zu.hna.de/Iranpaten

von Melanie Goehlich

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