Distanzierung von Terror und Gewalt

Islamisches Zentrum Kassel: „Wir halten uns an deutsche Gesetze“

Matthias Abdurrahman Brüch

Kassel. „Ehrenmord und Zwangsheirat haben mit unserem Glauben nichts zu tun“, sagt Matthias Brüch, stellvertretender Vorsitzender des Islamischen Zentrums in Kassel.

„Wir sind es leid, uns für solche Dinge immer wieder rechtfertigen zu müssen. Dafür gibt es keine Grundlage im Islam.“ Sogar im Krieg sei es im Islam verboten, Frauen, Kinder und alte Menschen zu töten, sagt der 46-Jährige, der vor 13 Jahren zum Islam konvertiert ist und sich seitdem Matthias Abdurrahman Brüch nennt.

„Ich habe die große Hoffnung, dass der Terror der IS nicht nach Deutschland getragen wird, damit das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Religionsgemeinschaften nicht gefährdet wird.“

Brüch und seine Gemeinde standen unter Beobachtung des Verfassungsschutzes – ob sie noch immer im Visier sind, dazu gibt es keine Angaben. Die Beobachtung habe im Jahr 2006 begonnen, als man in Kassel die Demonstration gegen die Mohammed-Karikaturen organisiert habe. Damals seien die Frauen der Gemeinde zwischen den Männern gelaufen. Das habe man gemacht, um sie lediglich zu schützen, sagt Brüch. Nach außen sei aber das Bild entstanden, man wolle die Frauen unterdrücken.

Das Islamische Zentrum distanziert sich mittlerweile auch von den Vorträgen des umstrittenen Islamisten-Predigers Pierre Vogel aus Köln. Den hatte die Gemeinde vor einigen Jahren eingeladen. Das sei ein Fehler gewesen. „Seitdem sind wir klüger geworden“, sagt Brüch. Er geht davon aus, dass in den muslimischen Gemeinden in Kassel keine gewaltbereiten Islamisten beziehungsweise Salafisten ihrem Glauben nachgehen und Anhänger werben. „Ich weiß aber nicht, was sich in irgendwelchen Hinterzimmern abspielt.“

„Ehrenmord und Zwangsheirat haben mit unserem Glauben nichts zu tun. Wir sind es leid, uns für solche Dinge immer wieder rechtfertigen zu müssen. Dafür gibt es keine Grundlage im Islam.“

Brüch berichtet davon, dass vor eineinhalb Jahren einige junge Männer im Alter von 25 bis 30 Jahren im Islamischen Zentrum auftauchten, die den „Eindruck einer Radikalität“ hinterlassen haben. Diese jungen Männer forderten viel, seien aber nicht bereit, irgendetwas zu geben. „Toleranz schien es bei denen nicht zu geben. Für die waren wir Weichspül-Muslime. Das sind wir aber nicht.“

Die 53 Mitglieder des Zentrums, darunter viele Akademiker und Gaststudenten, seien praktizierende Muslime. In der Praxis bedeute das zum Beispiel, dass sie fünfmal am Tag beteten, auf Alkohol und Schweinefleisch verzichteten. Einige Frauen trügen auch Kopftücher. Aber nur, weil sie es selbst wollten, andere verzichteten auch darauf.

Neben den Vereinsmitgliedern kämen 300 bis 400 Gläubige 40 verschiedener Nationalitäten zum Freitagsgebet der Gemeinde, die demnächst von der Erzbergerstraße in die Josephstraße (Wesertor) umzieht. Damit leiste die Gemeinde auch viel Integrationsarbeit. Diese Menschen freuten sich, in Deutschland ein Zuhause gefunden zu haben und hier ihre Religion ausüben zu können.

Er und seine Glaubensbrüder hielten sich auch an die Gesetzgebung in Deutschland. „Auch wenn es manche Gesetze gibt, die wir nicht so passend finden.“

Ulrike Pflüger-Scherb

Zur Person

Matthias Abdurrahman Brüch (46) ist vor 13 Jahren zum Islam konvertiert. Viele Jahre habe er sich mit Religionen beschäftigt, allein die Bibel viermal gelesen, bevor er im Koran alle Antworten auf seine Fragen gefunden habe. Brüch ist in zweiter Ehe mit einer Muslima, einer Marokkanerin, verheiratet, das Paar hat drei Kinder und lebt in Vellmar. Der gelernte Bauschlosser arbeitet als Qualitätsmanager in einem Flugzeugwartungsbetrieb in Calden. Sein Glaube und sein Engagement als zweiter Vorsitzender des Islamischen Zentrums Kassel haben ihm seinerzeit berufliche Probleme bereitet. Zunächst verweigerte ihm das Land Hessen eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für einen Sprengstoffschein, den er für einen früheren Job (Leiter der Logistik) benötigte. Brüch verklagte daraufhin das Land vor dem Verwaltungsgericht (VG) Kassel. Da von seiner Person keine Gefahr ausgehe, habe er vor dem VG gewonnen. Heute habe er wegen seines Glaubens keine Probleme an der Arbeit mehr.

Hintergrund: Laut Verfassungsschutz salafistisch beeinflusst

Wegen der Verteilung kostenloser Korane, die bundesweit im großen Stil von dem Kölner Salafisten Ibrahim Abou-Nagie organisiert wurde, war im April 2012 bereits das Islamische Zentrum Kassel/Al-Huda-Moschee in die Schlagzeilen geraten. Aus Sicht des Verfassungsschutzes diente die Koranverteilung nicht nur der Information. Ziel sei es vielmehr, Anhänger für den Salafismus zu gewinnen. Diese Form des religiös motivierten Extremismus sei nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Das Islamische Zentrum Kassel an der Erzbergerstraße wurde zumindest damals vom Verfassungsschutz als „salafistisch beeinflusst“ bewertet. (rud)

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