Gespräch bei Radio HNA

Israelische und Palästinensische Gesellschaft: "Nicht alle unter Kontrolle"

+
Im Gespräch: Manfred Oelsen von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und Brigitte Domes von der Deutsch-Palästinensischen-Gesellschaft.

Kassel. Für nächsten Freitag ist wieder eine Pro-Palästina- Demonstration in Kassel angekündigt. Schon bei den jüngsten beiden Aufrufen Mitte Juli hatten bis zu 2000 Menschen in der Innenstadt demonstriert.

Es war vereinzelt zu antisemitischen Äußerungen gegenüber pro-israelischen Gegendemonstranten gekommen. Die jüdische Gemeinde in Kassel fühlt sich seitdem bedroht. Darüber redeten der Kasseler Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Manfred Oelsen, und die Chefin der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, Brigitte Domes, bei Radio HNA.

Wie haben Sie die Demonstrationen in Kassel erlebt? 

Brigitte Domes: Ich finde nicht, dass die Situation eskaliert ist. Sie hätte ganz anders eskalieren können. Dass dies nicht passiert ist, hat auch damit zu tun, dass die Organisatoren bedacht waren. Es wurde mehrfach betont, dass sich die Demonstration nicht gegen die jüdische Gemeinde richtet. Bei 2000 Menschen haben sie aber nicht alle unter Kontrolle. Das ist absolut bedauerlich.

Auf Sendung

Ausschnitte aus dem Gespräch heute ab 10 Uhr bei Radio-HNA

Manfred Oelsen: Ich kann Ihrer Bewertung nicht ganz folgen. Ich war selbst bei der pro-israelischen Gegendemonstration und habe das Geschehen hautnah mitbekommen. Es gab aggressive Personen auf der Pro-Palästina-Seite, die gegen die Polizeikette gedrängt haben. Der Konflikt im Nahen Osten ist spätestens seit den großen Demonstrationen in der Innenstadt auch in Kassel präsent. Über Ängste und Lösungen sprachen wir mit den Vorsitzenden der Kasseler Ableger der Deutsch-Israelischen und der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft.

Wäre die Polizei nicht dort gewesen, wäre es eskaliert. Es gibt Fotos, auf denen zu sehen ist, wie Demonstranten den Hitler-Gruß machen. Ich bestätige, dass es auch besonnene Menschen im Zug gab. Aber diese hatten größte Schwierigkeiten, das in richtige Bahnen zu lenken.

Wie kann ein Veranstalter reagieren, um Gewalt zu vermeiden?

Demonstration für Palästina in der Kasseler Innenstadt am 8. Juli 2014: Es waren vereinzelt auch antisemitische Parolen zu hören.

Domes: Es wurde alles versucht. Es gab Aufrufe, dass antisemitische Ausrufe nicht geduldet werden. Aber noch mal, wenn so viele Menschen unterwegs sind, kann man nicht alles kontrollieren. So waren dort auch junge Männer, die emotional entflammt waren. Dies geschah vermutlich aus einem Gefühl der Isolation und Ausgrenzung heraus. Ich denke, viele Ausländer projizieren ihre Situation in Deutschland auf den Gaza-Konflikt. Sie müssen spüren, dass sie nicht alleingelassen werden. Es wäre doch ein Widerspruch, wenn man im Nahen Osten für ein gleichberechtigtes Miteinander ist und in Deutschland nicht.

Warum gab es keine gemeinsame Demonstration unter dem Motto „Frieden im Nahen Osten“?

Domes: An dem Einwand ist etwas dran. Im Nachhinein ist man klüger. Aber wir waren nicht Mitveranstalter, wir hatten keinen Einfluss. Es wird weitere Demonstrationen geben, und da muss noch klarer herausgestellt werden, dass wir gegen Antisemitismus sind.

Oelsen: Ich könnte mir eine gemeinsame Demonstration vorstellen, wo wir für Frieden eintreten. Aber die Auffassungen darüber, was Frieden bedeutet, sind zum Teil unterschiedlicher Natur. 2009 gab es eine gemeinsame Demonstration in Kassel, an der auch die Gewerkschaften und Kirchen beteiligt waren. Damals gab es Ausschreitungen. Das ist sicher auch der Grund, warum viele Kasseler Bürger sich diesmal nicht beteiligten.

Radio HNA: Interview zum Nachhören

Wie groß sind die Ängste in der jüdischen Gemeinde?

Oelsen: Die jüdische Gemeinde hat an den Demonstrationstagen ihre Veranstaltungen abgesagt, Eltern haben ihre Kinder nicht zur Schule geschickt. Das kann doch nicht sein. Für mich ist es grauenhaft, dass auch heute immer noch Polizeiautos vor Synagogen stehen müssen.

Domes: Ich denke, das ist unsere gemeinsame Grundlage: der Kampf gegen Rechtsextremismus. Denn es gibt auch Islamphobie - diese ist auch ein Ausdruck von Rechtsradikalismus.

Wie kann man weiter friedlich in Kassel zusammenleben?

Oelsen: Ich finde es richtig, wenn Palästinenser für einen eigenen Staat eintreten, aber primitive, antisemitische Parolen sind furchtbar. Ich unterstelle, dass die größten Schreier am wenigsten vertraut sind mit der Situation im Nahen Osten. Die jüdische Gemeinde hat eigentlich sehr gute Kontakte zu den Kasseler Moscheen. Wir wollen in Ruhe und Frieden miteinander leben.

Domes: Die jüdische Gemeinde sollte sich überlegen, ob sie die richtigen Freunde hat. Das Bündnis gegen Antisemitismus hat unsere Demonstranten als Mob in der Tradition der SA bezeichnet. Das geht zu weit.

Von Bastian Ludwig und Christine Helmeke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.