Wie Instrument klang, weiß kaum einer mehr

Jäger des verlorenen Tons: Kasseler will Originalton der Hammond-Orgel B3 retten

+
Ganz Ohr: Peter Becker hört genau hin, um die Nebengeräusche der Hammond-Orgel zu analysieren.

Kassel. Er ist einer von weltweit wenigen Spezialisten, die den Originalton des Klassikers - Modell B3 in Verbindung mit einem Leslie-Lautsprechersystem - bewahren können.

In einer Zeit, in der Autoräder noch Holzspeichen hatten - 1935 - hat Laurens Hammond in Amerika etwas erfunden, was für Peter Becker aus Kassel noch heute die beste Erfindung ist, die jemals aus den USA kam - die elektromechanische Orgel. Spätestens nach dieser Einordnung Beckers ist klar, dass die Orgel für ihn einen besonderen Stellenwert hat. Und er für sie: Er ist ein Jäger des verlorenen Tons.

Denn wie das Instrument tatsächlich einmal klang, weiß heute niemand mehr ganz genau. Um aber das zu retten, was man darüber weiß - also den exakten Ton -, hat Becker etwas erfunden, was es so nur einmal gibt: Eine Orgel, die man mit mindestens drei Einstellungen spielen kann. „Das ist so, als hätte man in einem Porsche drei Motoren. Das geht eigentlich nicht“, sagt er. Doch Becker hat in Sachen Hammond-Orgel das Unmögliche möglich gemacht. „Dadurch können sich Musiker aussuchen, welche Einstellung ihnen zusagt“, erklärt er.

Und genau das lockt immer mehr Künstler nach Kassel - unter ihnen Hammond-Fan Helge Schneider. Denn auf dem sehr speziellen Instrument, Peter Becker nennt es „das heiße Teil“, kann man auch die ursprünglichen, eher dumpf klingenden Frequenztöne sowie die neueren, höhenbetonten Töne spielen. Dadurch wird der Vergleich möglich.

Von 1954 bis 1974 war das Modell B3 auf dem Markt, wurde extrem robust gebaut. Doch auch am widerstandsfähigsten Gerät nagt irgendwann der Zahn der Zeit. Der Klang verändert sich. „Sehr stark“, sagt Becker und erzählt dann von alternden Kondensatoren, die den Ton dumpfer klingen lassen. Davon, dass der Klang sich immer weiter vom Original entfernt habe. Davon, dass man an der Orgel gut schrauben und eigentlich alles reparieren könne. „Das ist mit der B3 wie mit einem Oldtimer. Sie ist nie ganz kaputt und nicht ganz ganz“, sagt er und lacht.

Jahrelang hat er sich immer eine Frage gestellt: Warum klingt die B3, wie sie klingt? Der Antwort - und somit dem Originalton - sei er durch das „heiße Teil“ schon ganz nah. Näher gehe es kaum. Wie zum Beweis macht er mit einem Spektrumanalysegerät die Töne sichtbar, wertet sie aus.

Die Technik der Hammond-Orgel B3.

Dabei geht es zum Beispiel auch um Nebengeräusche, die das Instrument macht. Die wollte der Erfinder eigentlich nicht haben und versuchte sie zu unterdrücken.

Doch genau sie seien es, die dem Klang die besondere Note geben, sagt Becker. Wie etwa das Klacken beim Schließen der Kontakte, das wie ein Schmatzton klingt. Dann gibt es da noch die Geräusche, die nur geübte Ohren wahrnehmen: Die sogenannten, ganz leisen Obertöne und das Übersprechen, bei dem sich die Töne untereinander beeinflussen. „Im Hintergrund hört man dann viel mehr als den einen, den man eigentlich gedrückt hält.“ Auch diese Nebengeräusche will er retten - sie machen den Klang aus.

Becker geht es auch darum, den gefundenen Ton nicht zu verlieren. Keine leichte Aufgabe. Die B3 wird nicht mehr gebaut - stirbt aus. Und wieder kreist vor allem eine Frage in seinem Kopf: Wie kann das Bewahren des Tons gelingen?

Dieser habe rein gar nichts mit dem der Hammond-Heimorgeln zu tun. „Die klingen fürchterlich“, sagt er. Für ihn ist der weit weg von der besten Erfindung der Amerikaner: der Hammond-Orgel B3.

Zur Person

Peter Becker (46) ist Architekt. Seine Leidenschaft für die Hammond-Orgel fing 1992 an und wuchs bei ihm nach und nach. Zwischenzeitlich hatte er selbst etliche Orgeln. Doch entwickelte er keine Sammel-, sondern eine Tüftlerleidenschaft. Becker spielt in drei Chören an der Orgel. Er lebt seit 1994 in Kassel, ist verheiratet und hat eine Tochter.

Wissenswertes zur Hammond-Orgel

Die Orgel 

Die Hammond-Orgel ist eine nach ihrem Erfinder Laurens Hammond benannte elektromechanische Orgel. Ursprünglich 1935 als Ersatz für die Pfeifenorgel gedacht. Als vollwertiger Ersatz konnte sie sich nicht etablieren Größte Popularität hatte sie in den 1960er und 1970er Jahren; damals kam im Mainstream kaum eine Band ohne Orgel aus.

Kurz aus der Mode 

Einige Zeit war sie aus der Mode. Doch ist die B3 wieder da. Becker nennt Beispiele: Procol Harum, Santana, Deep Purple, Andreas Gabalier, Jan Delay, John Miles, The Doors, Eric Clapton, Steppenwolf, Udo Lindenberg.

Die Tonerzeugung 

In dem Tongenerator drehen sich 91 sogenannte Tonräder mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Dies sind 5-Markstück große Stahlräder mit einem gewellten Rand, wie bei einem Zahnrad. Vor jedem Tonrad sitzt ein kleiner Tonabnehmer wie bei einer E-Gitarre. Durch die Wellenform entfernt sich der Rand des Tonrades periodisch von dem Tonabnehmer und erzeugt so eine kleine Wechselspannung mit der entsprechenden Frequenz des jeweiligen Tons. Hammond hat den Synchronmotor erfunden, der den Tongenerator antreibt und extrem genau auf der Drehzahl hält.

Der B3-Club 

Becker ist Mitglied im einzigen deutschen Hammond-B3-Club.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.