Interview: Dechant Harald Fischer und Pater Klaus Mertes, Canisius-Kolleg Berlin, über Veränderung in der katholischen Kirch

Ein Jahr danach: Die Missbrauchsdebatte und die Folgen

Kassel. Vor einem Jahr erschütterte das Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle die katholische Kirche und ganz Deutschland. Auch in Kassel kam es zu einer Austrittswelle in der katholischen Kirche.

Ein Jahr danach sprachen wir mit Dechant Harald Fischer und Pater Klaus Mertes, dem Rektor des Canisius-Kollegs Berlin, über den Missbrauchsskandal und die Folgen.

Pater Mertes, war Ihnen im Januar vorigen Jahres bewusst, welch riesige Welle Sie mit Ihrer Aufforderung, das Schweigen zu brechen, auslösen würden?

Klaus Mertes: Nein. Ich dachte, es gibt vielleicht ein paar Echos in der Lokalpresse in Berlin. Mit dem Brief, den ich ja nicht selbst öffentlich gemacht habe, wollte ich vor allem den betroffenen Jahrgängen des Canisius-Kollegs Ansprechbarkeit signalisieren.

Wie blicken Sie zurück auf das, was seitdem passiert ist?

Mertes: Es ist wie nach einem Tsunami, eine völlig neue Landschaft. Es ist unglaublich viel geschehen, es sind bittere Wahrheiten ans Licht gekommen. Es hat ein schmerzlicher Prozess begonnen zusammen mit der Opferseite, und es gab ein großes Erschrecken in der katholischen Kirche über sich selbst.

Herr Dechant Fischer, Sie hatten gefordert, das Pflichtzölibat abzuschaffen und Frauen für das Priesteramt zuzulassen, zudem eine offenere Sexualmoral. Was ist aus den Forderungen geworden?

Harald Fischer: Natürlich habe ich nicht gedacht, dass nach meinen Äußerungen der Papst das Priestertum der Frau einführt. Die große Bewegung, die ich sehe, ist, dass es möglich ist, diese Dinge als kontroverse Themen anzusprechen. Vorher passierte das meist nur hinter vorgehaltener Hand. Auch wenn die Diskussion in der Öffentlichkeit inzwischen nicht mehr so präsent ist - innerhalb der Kirche ist sie sehr lebendig.

Was hat sich konkret bewegt im vergangenen Jahr?

Mertes: Allein den Satz „Das Problem kommt nicht von außen, sondern von innen“, den der Papst geäußert hat, hätte es vor zwei Jahren so nicht gegeben. Konflikte sind insgesamt öffentlicher und sichtbarer. Es gibt natürlich auch einige, die wütend sind über diese Öffnung gegenüber kritischen Themen. Es gibt nicht nur friedvolles Sprechen, es ist richtig Musik in der Kirche.

Fischer: Durch die Debatte ist die sexualisierte Gewalt aus dem Tabu herausgeholt worden - und das gilt für die gesamte Gesellschaft. Dadurch ist eine unumkehrbare Bewegung eingetreten. Ganz konkret hat sich getan, dass eine Broschüre zur Prävention erstellt wurde und auch innerhalb der Diözese Leitlinien für Geistliche formuliert worden sind, die es in sich haben: keine aufdringlichen Blicke, keine anzüglichen oder zweideutigen Bemerkungen, keine exklusiven Freundschaften zwischen Seelsorgern und Jugendlichen, keine außergewöhnlichen Geschenke. Ich würde mir wünschen, dass manche Schule das für ihre Lehrer auch übernimmt.

Mertes: Die katholische Kirche hat außerdem auf die Entschädigungsforderung der Opfer eine erste Regelung formuliert (Opfer sollen bis zu 5000 Euro erhalten, Anm. d. Red.). Die ist für viele Opfer sicher unbefriedigend, aber es ist die erste Antwort überhaupt, die über eine bloße Entschuldigung hinausgeht. Das Missbrauchsthema betrifft ja auch staatliche Institutionen, die so weit noch nicht sind.

Wo gibt es noch Bedarf für Veränderungen in der katholischen Kirche?

Mertes: Die Kirche muss ihre lehramtlichen Positionen gegenüber der Homosexualität überdenken und verändern. Sie muss anerkennen, dass Gott auch homosexuelle Menschen erschafft, und auch die müssen eine körperliche Sprache für ihre Liebe finden dürfen. Zum anderen muss das Machtthema angegangen werden. Wenn Kinder versuchen, ihren Eltern von einem Missbrauch zu erzählen, und es heißt: So spricht man nicht über einen Kleriker, dann ist die Macht des Priesters zu stark immunisiert.

Fischer: Die Machtfrage schlägt sich auch darin nieder, dass wir keine synodalen Strukturen, also keine demokratische Mitbestimmung auch für Nicht-Amtsträger haben. In dieser Hinsicht können wir von der Struktur der evangelischen Kirche lernen.

Mertes: Richtig, im System der Kirche gibt es keine Strukturen, um Konflikte zu bewältigen. Wir müssen das Subsidiaritätsprinzip - also das der Eigenverantwortung auf untergeordneter Ebene - auf uns selbst anwenden, sodass Bischofskonferenzen eigene Antworten auf Fragen finden können. Zum Beispiel auf die des Predigtverbots für Laien in der Kirche, das meiner Meinung nach aufgehoben werden muss.

Was ist mit der Stellung der Frau?

Fischer: Darin schlägt sich die Machtproblematik ebenso nieder, konkret in der Verweigerung des Priesteramtes für Frauen. Damit berauben wir uns der Hälfte dessen, was die Menschheit zur Verkündigung beitragen kann. Ich habe vor einem Jahr, als ich die verschiedenen Forderungen von der Abschaffung des Pflichtzölibats über die offenere Sexualmoral bis zur Frauenordination formuliert habe, festgestellt, dass alles diskutierbar war, aber nicht die Frage von Frauen im Priesteramt. Mir wurde vorgeworfen, mit dieser Forderung die Gemeinden zu spalten.

Die katholische Kirche hat im Zuge des Missbrauchsskandels viel Vertrauen verloren bei den Gläubigen. Kann sie es zurückgewinnen?

Mertes: Wenn man die Dinge nur tut, um Vertrauen zu gewinnen, wird man es nicht bekommen. Dann geht es nur um Tünchen. Was wir brauchen, ist eine innere Umkehr und die wirkliche Einsicht, dass die Kirche sich einer Prüfung unterziehen muss, damit sich die Taten nicht wiederholen.

Fischer: In der Ortskirche ist mein Eindruck, das Offenheit die Grundlage von Vertrauen ist. Wo Menschen diese Offenheit erfahren, gibt es keinen Vertrauensverlust. Wenn etwas verdeckt und gemauschelt wird, schon.

Mertes: Deshalb ist es so wichtig, dass die Sprachlosigkeit gebrochen wird. Wo Sprache über Missbrauch da ist, ist auch Schutz da.

Zur Person Klaus Mertes

Klaus Mertes (55) ist Jesuitenpater und Rektor des Gymnasiums Canisius-Kolleg in Berlin. Nachdem sich ihm einzelne Missbrauchsopfer aus den 70er- und 80er-Jahren anvertraut hatten, richtete er sich im Januar vorigen Jahres mit einem Brief an ehemalige Schüler, in dem er weitere Opfer bat, ihr Schweigen zu brechen. Damit löste er eine Welle der Aufdeckung und eine bundesweite Debatte aus. Mertes stammt aus einer Diplomatenfamilie und wuchs in der Sowjetunion auf. In den Jesuitenorden trat er im Alter von 23 Jahren ein. Er hat Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Slawistik studiert. Im Herbst wird Mertes das Canisius-Kolleg verlassen und das Rektorenamt an der Jesuitenschule in Sankt Blasien im Schwarzwald übernehmen.

Zur Person Harald Fischer

Harald Fischer (56) ist seit 1997 Pfarrer an der Kirche St. Familia und seit 2002 Dechant der katholischen Kirche in Kassel. Seit über 15 Jahren ist er zudem Exerzitienseelsorger für die Diözese Fulda. Fischer ist in Kassel geboren, hat zunächst Industriekaufmann gelernt, dann auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur gemacht. Theologie studierte er an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen.

Von Katja Rudolph

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