Mit 88 Jahren Fluglizenz abgegeben

Otto Henkel ging 1938 erstmals in die Luft

Ein letzter Flug: Otto Henkel (vorn) mit Freund Hubertus Schurian, der ebenfalls im vergangenen Jahr seine Fluglizenz abgab. Foto: Privat

Kassel. Die Arme, die Otto Henkel auf den Lehnen des braunen Sessels in seinem Wohnzimmer abgelegt hat, gehen auf einmal in die Höhe. Er macht Auf- und Abbewegungen, spricht von Thermik, Geschwindigkeit und der Höhe.

Es geht um seine Leidenschaft – dem Motor- und Segelfliegen auf dem Dörnberg. „Doch jetzt schicket’s“, habe seine Frau gesagt. Seine Fluglizenz hat Otto Henkel deshalb abgegeben. Heute wird er 89 Jahre alt.

„Sie wollen nicht mehr runter. Wenn Sie fliegen, vergessen Sie alles Schlechte“, sagt der 89-Jährige. Es sei wie eine Sucht, sagt auch seine Frau Margot, die selbst aber nie mit ihrem Mann im Segelflieger saß. „Ich habe es nicht so mit der Höhe“, sagt die 82-Jährige.

75 Jahre ist Henkel geflogen. Im vergangenen Sommer hob er zum letzten Mal ab. Gemeinsam mit seinem Freund und Vereinskollegen Hubertus Schurian von der Flugsport-Vereinigung Kassel/Zierenberg. „Der war 82 – im Flieger saßen also 170 Jahre Flugerfahrung“, sagt Henkel.

„Wenn Sie fliegen, vergessen Sie alles Schlechte.“

Otto Henkel

1938 trat Henkel zu seinem ersten Flug an: Mit dem Schulgleiter einen Tag nach seinem 14. Geburtstag. Alle hätten damals geträumt, irgendwann zur Luftwaffe zu gehen, sagt Henkel. „Idiotisch“ nennt er diesen Wunsch heute.

Einige seiner Freunde schafften es zur Luftwaffe und wurden während des Kriegs Jagdflieger. „Keiner von denen hat es überlebt“, sagt Henkel.

Auch beruflich faszinierten ihn Flugzeuge: 1938 begann er seine Ausbildung bei den Gerhard-Fieseler Werken. Er baute mit am Fieseler Storch und dem Jagdflugzeug Messerschmidt Bf 109. An diese Zeit erinnert er sich gern: „Von so einer Jugend, wie ich sie hatte, können andere nur träumen.“

Dann begann der Krieg und Henkel geriet in russische Gefangenschaft. Erst 1950 kehrte er aus dem Ural zurück. Kurze Zeit später lernte er seine Frau beim Tanzen kennen. „Das waren schöne Jahre“, sagt er. Er fand eine Anstellung als Busfahrer bei der KVG und später als Verkehrsmeister.

Wochenende: Dörnberg

Die Wochenenden gehörten dem Verein und der Fliegerei. „Da würde ich ein großes Kreuz im Kalender machen, wenn er am Samstag oder Sonntag mal hier war“, sagt seine Frau. „Ich habe da einfach immer was zu tun“, sagt Henkel.

Nie abgestürzt

Abgestürzt sei er nie und das trotz tausender Flüge, bei denen er auch Touristen mitnahm. „Bei mir haben sich nur zwei Mitflieger übergeben“, sagt Henkel und grinst.

„Man kann eben nicht wie im Auto einfach mal rechts ranfahren.“

Otto Henkel

Jetzt habe ihn seine Frau überzeugt, dass es reiche, sagt er. „Man kann eben nicht wie im Auto einfach mal rechts ranfahren.“ An seinem Geburtstag geht es wieder rauf auf den Dörnberg. „Das war die vergangenen Jahre immer so. Schließlich muss ich einen Wettbewerb für Segelflieger vorbereiten“, sagt Henkel.

Von Max Holscher

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