Wurzeln liegen im Diakonischen Jahr

50 Jahre Freiwilliges soziales Jahr: Heute 900 Stellen in Nordhessen

Pionierin unter den Freiwilligen: Das Foto aus dem Jahr 1962 zeigt eine Dankeskarte einer damaligen Freiwilligen im Diakonissenhaus an die damalige Leiterin des Freiwilligenjahrs, Dore Spellenberg. Das Diakonische Jahr war Vorläufer des freiwilligen sozialen Jahrs, das es ab 1964 gab. Foto: ZFFZ/nh

Kassel. Das Leben von Ingo Michler wäre anders verlaufen, wenn er kein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) gemacht hätte. 1981 absolvierte der Kasseler ein Jahr in einem Behindertenheim im Vogelsberg – eigentlich vor allem, weil er nach der 12. Klasse die Schule geschmissen hatte und nun ein FSJ brauchte, um das Fachabitur anerkannt zu bekommen.

„Erst dachte ich, es würde ein verlorenes Jahr, nur für eine Bescheinigung“, sagt der heute 56-Jährige. „Im Nachhinein war es eins der wichtigsten Jahre in meinem Leben.“

Damals entstand sein Wunsch, Sozialarbeit zu studieren. Heute ist Michler selbst für die Betreuung von jungen Leuten im FSJ zuständig: Er arbeitet als Pädagogischer Referent beim Zentrum für Freiwilligen-, Friedens- und Zivildienst (ZFFZ) der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Das ZFFZ ist einer von sechs Trägern mit Sitz in Kassel, die FSJ-Stellen vermitteln (siehe Hintergrund).

Sie feiern in diesem Jahr den 50. Geburtstag des freiwilligen sozialen Jahres. Wie viele junge Leute in Kassel die neue Möglichkeit des FSJ 1964 tatsächlich schon nutzten, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Das neue Modell wurde zunächst offenbar zögerlich angenommen – im Anfangsjahr gab es nach Angaben des Sozialministeriums hessenweit nur etwa zehn FSJ-Teilnehmer.

Vorbild in Diakonie

Heute liegt die Zahl hessenweit bei 5800. Allein in Nordhessen absolvieren derzeit 900 junge Leute einen freiwilligen Dienst in Krankenhäusern, Schulen, Pflegeheimen, Kultur- und Sporteinrichtungen. Auch in der Region ist das FSJ damit ein Erfolgsmodell.

Die Wurzeln hat das FSJ im sogenannten Diakonischen Jahr, das schon zehn Jahre zuvor von der evangelischen Kirche ins Leben gerufen worden war. Auch in der Region wurde dieses ab 1958 von etwa einem Dutzend junger Leute im Jahr genutzt, schätzt Jens Haupt, Leiter des ZFFZ. Während seinerzeit unter dem Motto „Gib ein Jahr“ der selbstlose Einsatz für Hilfebedürftige im Vordergrund stand, liege beim FSJ heute das Augenmerk ebenso auf dem jungen Menschen, sagt Lisa Wegener vom Internationalen Bund (IB) in Kassel. „Das FSJ ist ein Gewinn für beide Seiten.“ Die jungen Leute profitierten von dem Jahr oftmals auch zur Orientierung nach der Schule und zur persönlichen Weiterentwicklung.

Das Erfolgsmodell FSJ wiederum stand vor drei Jahren Pate für den Bundesfreiwilligendienst, der nach der Abschaffung der Wehrpflicht eingeführt wurde. Entgegen anfänglicher Befürchtungen sei das FSJ durch die Doppelstruktur nicht geschwächt worden, berichten die Träger.

Von Katja Rudolph

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