SPD-Oberbürgermeister und Mitgründer der Weimarer Republik

150 Jahre Philipp Scheidemann

Vor dem Kasseler Rathaus: Drei Tage nach einem Blausäureattentat auf ihn im Bergpark Wilhelmshöhe trat Philipp Scheidemann im Juni 1922 bei einer Kundgebung auf. Fotos: Stadtmuseum/nh

Kassel. Am Sonntag wäre der trotz Holger Börner und Hans Eichel wohl bekannteste Kasseler SPD-Politiker 150 Jahre alt geworden. Gleich zwei Plätze sind in seiner Heimatstadt nach Philipp Scheidemann benannt. Den zwischen Ständeplatz und Hauptbahnhof kennt man unter diesem Namen.

Der andere in der Nordstadt (vor dem Scheidemann-Haus) trägt den Namen von Henner Piffendeckel. So nannte sich Scheidemann, wenn er seine „Geschichderchen“ in Kasseläner Mundart schrieb. Gestern wurde sowohl der Politiker als auch der Dichter geehrt. Die Kranzniederlegung fand an seinem Ehrengrab auf dem Hauptfriedhof statt, der Festakt im voll besetzten Stadtverordnetensaal des Rathauses.

Als das 1909 fertig gebaut war, herrschte in Deutschland noch das Dreiklassenwahlrecht. Scheidemann, der als Sohn eines Tapezierers in der Kasseler Altstadt geboren wurde und später eine Lehre als Schriftsetzer machte, kommentierte das so:

„Kasseler Dreiklassenhus / Was hot’n das for’n Sinn? / Die armen Luder bleiwen drus / De Reichen kommen nin.“

Schon 1883 trat Scheidemann in die damals verbotene SPD ein. Er arbeitete als Redakteur für verschiedene Zeitungen und machte in der Partei Karriere. Er saß für die SPD im Reichstag, wurde Fraktions- und Parteivorsitzender. Berühmt wurde Philipp Scheidemann, als er am 9. November 1918 vom Balkon des Reichstags die Republik ausrief.

Von 1920 bis 1925 war er Oberbürgermeister in Kassel. Daran erinnerte mit Bertram Hilgen gestern einer seiner Nachfolger. Scheidemann sei ein großer Sohn Kassels gewesen.

Weitere Informationen zu Philipp Scheidemann finden Sie in unserem Regiowiki.

Auch der hessische Landesvorsitzende der SPD, Thorsten Schäfer-Gümbel, nahm an dem Festakt teil. Ehrengäste waren die Urenkelin Scheidemanns, Lieselotte Harvey, und ihr Sohn Peter. Der Historiker Prof. Walter Mühlhausen erinnerte daran, dass Scheidemann schlimmen Anfeindungen ausgesetzt gewesen sei. Die gingen bis zu einem Mordanschlag mit giftiger Blausäure. Als Politiker habe er sich aufgerieben zwischen der Kommunalpolitik und seinem Reichstagsmandat. Scheidemann sei aber trotz vieler Rückschläge ein unerschrockener Kämpfer für die Demokratie gewesen.

Diesen Kampf hat er verloren. Der SPD-Politiker wurde von den Nazis ins Exil getrieben und starb 1939 in Kopenhagen. Erst 1953 wurde die Urne mit seiner Asche in Kassel beigesetzt. Nicht nur der Politiker ist unvergessen. Vor wenigen Tagen ist eine neue Auflage der „Geschichderchen“ erschienen. Einige davon gab der Kabarettist Karl Garff in schönster Kasseläner Mundart zum Besten.

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