70 Jahre verheiratet: Renata und Justus Heß feiern Gnadenhochzeit

Ehepaar seit 70 Jahren: Renata und Justus Heß haben 1941 in der Karlskirche geheiratet. Foto: Nicklas

Bad Wilhelmshöhe. Am liebsten erzählt sie von ihrem Wochenendhäuschen am Edersee. Dann strahlt ihr Gesicht – kein euphorisches Strahlen, eher ein zufriedenes. Renata Heß erzählt vom Surfen, von ihrem kleinen Boot namens „Titanic“ und von weißem Flieder im Garten, den ihr Mann Justus ihr zu einem ihrer 70 Hochzeitstage geschenkt hat.

Am 22. Februar 1941 haben die beiden in der Karlskirche geheiratet, heute feiern sie Gnadenhochzeit.

„Die Zeiten haben sich geändert“, sagt die jung gebliebene Dame. Sie sitzt neben ihrem Mann auf dem bunt gemusterten Sofa und hält seine Hand, an der Wand hängen Fotos aus früheren Tagen, als sie noch jeden Sonntag in die Kirche gingen. Heute gucken sie den Sonntagsgottesdienst im Fernsehen.

Das Erinnern fällt ihrem Mann schwer, er leidet unter Altersdemenz. „Das geht jetzt ziemlich schnell“, sagt sie und holt ein kleines blaues Büchlein aus dem Wohnzimmerschrank hervor – jeden Morgen liest sie ihm Losungen vor. Früher hat er das gemacht. „Ich konnte mich immer auf meinen Mann verlassen, heute ist das anders, ich kann mich nicht mehr auf ihn stützen“, sagt sie. Entscheidungen haben sie immer zusammen getroffen, jetzt muss sie es allein tun.

Kennengelernt haben sich Justus Mausehund und Renata Stange im Sommer 1933 in einem Zeltlager der evangelischen Jugend in Königsfeld im Schwarzwald. „Er war ein bisschen älter und ist damals als Gruppenleiter mitgefahren“, erinnert sich die 92-Jährige. Am letzten Abend am Sonnenwendfeuer hat der damals dunkelhaarige 18-Jährige sie aufgefordert, mit über die Glut zu laufen. Die Füße waren schwarz, aber das war ihr ganz egal: „Von allen Mädchen hat er sich mich ausgesucht“, sagt die alte Dame, legt ihre Hand auf die Brust und lächelt ihren Mann an. Und der 95-Jährige lächelt zurück und erinnert sich wieder an ihre schönen Knie.

Wieder zu Hause in Kassel fuhr er jeden Tag mit dem Fahrrad aus der Nordstadt ins Druseltal, um mit der Pfarrerstochter spazieren zu gehen. Ihrer jüngeren Schwester, die als Anstandsdame mitgehen sollte, gaben sie zehn Pfennig, damit sie allein sein konnten. An der Fulda entlang, durch den Habichtswald – sie liefen durch ganz Kassel.

Einen Heiratsantrag hat er ihr nie gemacht, „das lief so nebenher“, sagt Justus Heß. Nach und nach kommen ein paar Erinnerungen wieder, die er schnell und laut und abrupt, als würde er sie - einmal eingefallen - nicht mehr zurückhalten können, loswerden muss. Sein Blick ist mit den Monaten leer geworden.

Als feststand, dass sie heiraten werden, haben sie sich einen neuen Nachnamen gesucht, denn Mausehund wollten sie nicht heißen. Sie zahlten fünf Mark und änderten ihren Namen in Heß, den Geburtsnamen seiner Mutter, erzählt der pensionierte Internist mit fester Stimme.

Heute freut sich Renata Heß über die gut gemeinten Komplimente ihres kranken Mannes: „Guck sie dir doch mal an, ist doch gut“, sagt er zum Schluss. Und sie lacht.

Im März kommt ihr zehntes Urenkelkind zur Welt, darauf freuen sie sich. Und vielleicht werden sie noch einmal im Sommer gemeinsam an den Edersee fahren. (pmn)

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