Friedrichsplatz - 19. Mai 1933

Vor 80 Jahren verbrannten Nazis Werke verfemter Autoren auf dem Friedrichsplatz

Blick Richtung Königsstraße: In der Bildmitte oben ist die Leuchtreklame des Kaufhauses Tietz zu sehen.

Kassel. Auf dem Friedrichsplatz brannten am 19. Mai vor 80 Jahren die Bücher. Etwa 2000 sollen es gewesen sein, die mit Einbruch der Dunkelheit waschkörbeweise in die Flammen gekippt wurden.

Viele davon stammten aus dem Kaufhaus Tietz an der Königsstraße (heute Galeria Kaufhof), gegen dessen jüdische Besitzer die Nazis schon länger hetzten. Auch aus Leihbüchereien wurden Werke von Autoren wie Kurt Tucholsky, Erich Kästner, Bertha von Suttner und auch des früheren Kasseler Oberbürgermeisters Philipp Scheidemann entfernt.

In der Nähe des Friedrich-Denkmals gingen die Bücher in Flammen auf. Ein Akt der Barbarei, der im Sinne der NS-Propaganda zur Massenveranstaltung in Kassel aufgeblasen wurde. Angeblich waren damals 30 000 Menschen auf dem Friedrichsplatz.

Keine Massenveranstaltung

Gespenstische Szene: Vor dem Fridericianum loderten vor 80 Jahren die Flammen. Mit der Bücherverbrennung wollten die Nationalsozialisten missliebige Autoren symbolisch vernichten. Archivfotos:  Eberth

Diese Zahl wurde von der bereits voll auf NS-Kurs getrimmten Kasseler Post in die Welt gesetzt. „30.000 Kasselaner im Flammenschein“, titelte die Zeitung in ihrer Ausgabe vom 21. Mai 1933. Der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund habe unter dem Jubel der Menschenmenge einige Tausend Bände Schundliteratur verbrannt. Die Zahl 30.000 taucht seitdem in zahlreichen Veröffentlichungen auf. Das ist ein Fehler, davon sind ausgewiesene Kenner der Kasseler Geschichte wie der frühere Stadtarchivar Frank-Roland Klaube fest überzeugt.

In der Zeit des Nationalsozialismus gab es in Kassel eine ganze Reihe von Großveranstaltungen. Von den Reichskriegertagen angefangen bis zu Maikundgebungen. Die Bücherverbrennung gehörte mit einiger Sicherheit nicht dazu. Dagegen spricht schon der Zeitpunkt.

Lexikon-Wissen

Bombennacht im Regiowiki

Auf dem Friedrichsplatz brannten die Bücher erst neun Tage später als zum Beispiel in Frankfurt, Marburg oder anderen Städten mit großen Universitäten. In Kassel spielten die Studenten keine große Rolle. Es gab die Kunstakademie und die Baugewerkschule, ein Vorläufer der Ingenieurschule. Dort hatte sich auch ein aus Thüringen stammender Student namens Heinrich Constein eingeschrieben, der als Kasseler Führer des Nationalsozialistischen Studentenbundes angegeben wird. Sein Name tauchte ausschließlich im Zusammenhang mit der Bücherverbrennung auf.

Große Menschenmengen brachte er zur Bücherverbrennung wohl nicht auf die Beine. Das belegen die Bilder des Kasseler Fotografen Carl Eberth, die aus dieser Zeit überliefert sind. Außer ein paar Fackelträgern und einigen Uniformierten im direkten Umfeld der brennenden Bücher ist kaum jemand zu sehen. Am symbolischen Akt der Auslöschung ändert das nichts. Fünf Jahre später, beim Sturm auf die Synagogen, konnten es die Kasseler Nationalsozialisten kaum erwarten. Die Pogromnacht fand hier schon zwei Tage früher statt.

Lesung vor dem Fridericianum

80 Jahre nach der Bücherverbrennungin Kassel findet am Pfingstsonntag, 19. Mai, 11.30 Uhr, eine Gedenkveranstaltung vor dem Fridericianum statt. Dazu laden der SPD-Ortsverein Altkassel, die Deutsch-Israelische Gesellschaft, die Gedenkstätte Breitenau und die Vhs Region Kassel ein. Als Beitrag zum Stadtjubiläum 1100 Jahre Kassel stehen bei dieser achten Auflage des Gedenkens Bücher von Autoren im Mittelpunkt, die einen Bezug zu Kassel hatten. Dazu gehören Texte von Kurt Kersten, Philipp Scheidemann (Henner Piffendeckel), Hein Herbers, Joachim Ringelnatz, Mascha Kaleko und Anna Seghers. Es musizieren Renate und Roland Häusler

Von Thomas Siemon

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