Sender an der Friedrich-Ebert-Straße

Vor 90 Jahren im Postgebäude: Erstmals Radio aus Kassel

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Er gehörte zu den Pionieren des Rundfunks in Kassel: Kurt Stippich, der im Studio desPostgebäudes an der Friedrich-Ebert-Straße ein Konzert ankündigt.

Kassel. Der Renner im Weihnachtsgeschäft vor 90 Jahren waren Empfangsgeräte für das damals noch sehr junge Medium Radio.

Mit einfachen technischen Mitteln konnten die Menschen damals zumindest ihren Ortssender hören. Am 25. Dezember 1925 ging der Sender Kassel in Betrieb.

Bereits im Dezember hatten Testläufe schon für große Aufmerksamkeit der Kasseler Bevölkerung gesorgt. Mit der Inbetriebnahme eines eigenen Senders gehörten zum Beispiel die Konzerte des Kurhessischen Landesorchester Kassel zum wöchentlichen Programm.

Vom Wehlheider Hoftheater bis zum Staatstheater nutzten viele Kultureinrichtungen das Radio, um Werbung in eigener Sache zu machen. Chöre und Kapellen traten ebenfalls im Studio auf.

Die ersten Räumlichkeiten des Kasseler Senders - damals wie heute einer Außenstelle der Zentrale in Frankfurt - befanden sich in der ehemaligen Hauptpost an der Friedrich-Ebert-Straße. Das Gebäude gibt es heute noch, der Sender ist aber mehrfach umgezogen. Damals waren die 28 Meter hohen Antennen auf dem Dach des Postgebäudes von vielen Orten der Stadt aus zu sehen.

Welle 288 

Der Kasseler Sender war auf Welle 288 zu empfangen. Darauf wurde jeden Abend zu Programmbeginn hingewiesen. Beim Festakt zur Einweihung des Senders im Saal der Murhardschen Bibliothek war unter anderem der damalige Oberbürgermeister Philipp Scheidemann dabei. Innerhalb weniger Wochen stieg zu Jahresbeginn 1925 die Zahl derjenigen, die den Sender empfangen konnten, von 200 auf 3000.

Detektor für Radioempfang: So sahen die frühen Geräte aus.

Zum Erfolg des Senders trug ein beliebter Ansager und Programmgestalter mit Lokalkolorit bei. Kurt Stippich (Foto oben) kam aus Kassel und hatte nach dem Musikstudium zunächst in Frankfurt gearbeitet. Er machte den Umzug des Kasseler Senders vom Postgebäude an den Ständeplatz mit. Einer der erfolgreichsten Sendungen Anfang der 1930er Jahre hatte den Titel „Glocken der Heimat“. Die Hörer bekamen Aufnahmen vorgespielt, bei denen das Geläut nordhessischer Dorfkirchen erklang.

Die Nationalsozialisten nutzten auch den Kasseler Sender für ihre Propaganda. Ab 1933 brachten sie den Volksempfänger unter die Leute. Am 11. Februar 1934 gab es einen sogenannten Rundfunktag, die Abschlusskundgebung fand in Kassel auf dem Friedrichsplatz statt. Ziel war es, die NS-Ideologie in jeden Haushalt zu senden.

Der Kasseler Sender wurde in der Bombennacht vom 22. Oktober zerstört. Heute sendet der Hessische Rundfunk aus Bad Wilhelmshöhe.

Von Thomas Siemon

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