Seine Urenkelin erinnert sich

Vor 75 Jahren starb Philipp Scheidemann: Ein Kuss im Exil

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Aufnahme im Exil: Dieses Foto von Philipp Scheidemann mit seiner Urenkelin Lieselotte H. Harvey geborene Pirschel nahm Lieselottes Vater 1938 in Kopenhagen auf. Ein Jahr später starb Scheidemann. Lieselotte Harvey besuchte 1998 zum ersten und einzigen Mal Kassel, die Heimatstadt ihres Urgroßvaters. Sie war beeindruckt vom Scheidemann-Haus in der Nordstadt.

Kassel. Lieselotte Harvey war drei Jahre alt, als ihr Urgroßvater Philipp Scheidemann starb. Sie hat keine persönlichen Erinnerungen an ihn, weil sie ihn nur einmal als Kleinkind bei einem Besuch mit ihren Eltern in Kopenhagen im Jahr 1938 begegnete: Da bekam sie einen dicken Schmatzer auf die Wange.

Dennoch hat die 78-jährige Frau, die mit ihrer Familie in einem Vorort von London lebt, viel über ihren Vorfahren zu erzählen: Ihr Urgroßvater war der berühmte Sozialdemokrat Philipp Scheidemann, der heute vor 75 Jahren gestorben ist. Jener Mann, der am 9. November 1918 auf dem Balkon des Berliner Reichstagsgebäudes die erste deutsche Republik ausrief.

Auch in den englischen Schulbüchern, Lieselotte Harvey war Mitarbeiterin eines Schulsekretariats, werde noch immer über ihren Urgroßvater berichtet. Die persönlichsten Geschichten kennt sie aber von ihrer Mutter Johanna Pirschel (1912 bis 1998), der Lieblingsenkeltochter von Philipp Scheidemann. Johanna wuchs mit ihrer Mutter Hedwig (1893 bis 1935), der jüngsten Tochter Scheidemanns und seiner Frau, in Kassel auf. „Meine Großeltern waren geschieden. Deshalb war ihr Großvater für meine Mutter wie eine Vaterfigur“, erzählt Lieselotte Harvey.

Lieselotte H. Harvey.

„Meine Mutter hat mir und meinem Bruder immer erzählt, wie wunderbar Philipp Scheidemann gewesen ist. Sie hat uns beigebracht, dass man diesen großen Mann ehren muss.“ Eine Begebenheit mit ihrem Großvater hat Johanna Pirschel aber bis zu ihrem Tod nicht wirklich verarbeitet. Sie war zehn Jahre alt, als sie mit ihrem Großvater und einer Tante am Pfingstsonntag 1922 im Habichtswald spazierte und drei rechtsradikale Attentäter versuchten, Philipp Scheidemann mit Blausäure zu töten.

Wenn Lieselotte Harvey später mit ihrer Mutter spazieren ging, dann habe die sich immer umgedreht. Aus Angst vor Angreifern.

Daran erinnert sich auch Hans Pirschel (76), der jüngere Bruder von Lieselotte Harvey. „Diesen Schock hat unsere Mutter nie verarbeitet. Heutzutage würde man nach solch einem Erlebnis zu einem Psychologen gehen“, sagt Pirschel, der am Bodensee lebt.

Dorthin waren seine Eltern 1933 mit seiner Schwester und ihm aus Berlin geflüchtet. Auch Angehörige von Philipp Scheidemann hatten unter den Nationalsozialisten unter Verhören und Schikanen zu leiden. „Meine Mutter wurde auch von der Gestapo vorgeladen“, sagt Pirschel, der selbst nie in eine Partei eingetreten ist.

Mehr zu Philipp Scheidemann lesen Sie im Regiowiki.

Am Beispiel von Philipp Scheidemann habe er gesehen, wie die Politik einen Menschen auffressen könne. „Mein Urgroßvater hat für die Partei so viel gearbeitet, dass er sich ein Magenleiden zugezogen hat.“ Im Exil habe er zudem in ziemlich ärmlichen Verhältnissen leben müssen. Nichtsdestotrotz habe der Sozialdemokrat immer eine positive Lebenseinstellung gehabt.

Auch mal einen Krimi

Philipp Scheidemann sei ein Mensch gewesen, der immer viel gearbeitet habe, erzählen beide Urenkelkinder. Zeit zum Kartenspiel hätte er sich nie genommen. In jeder Westentasche habe er dafür stets einen kurzen Bleistift getragen, um überall schreiben zu können. Ansonsten habe er sehr viel gelesen, zur Entspannung wohl auch gern mal einen Krimi.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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