Nach Corona-Demo in Hannover

„Jana aus Kassel“: Zeuge aus Kassel hat Nazi-Diktatur erlebt - Vergleiche „unerträglich und ungeheuerlich“

Ein Mann sitzt vor einem Schreibtisch voller Bücher.
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Gegen das Vergessen: Prof. Walter Sons (95) hat die Geschichte seiner jüdischen Cousine Ilse Wilmersdörfer und ihres Mannes Robert – für beide wurden in Kassel Stolpersteine verlegt – aufgeschrieben.

Ein Mann aus Kassel hat die NS-Diktatur hautnah miterlebt. Er findet NS-Vergleiche, wie den von „Jana aus Kassel“, unerträglich.

  • „Jana aus Kassel“ hat bundesweit für Empörung und Entsetzen gesorgt.
  • Ein Professor aus Kassel hat die Nazi-Diktatur als Zeuge erlebt.
  • Er findet die NS-Vergleiche „ungeheuerlich“ und „dumm“.

Kassel – Der Vergleich der „Querdenken“-Rednerin „Jana aus Kassel“ mit der von den Nationalsozialisten hingerichteten Sophie Scholl hat für viele Reaktionen unserer Leser gesorgt. Einer von ihnen ist Walter Sons. Der emeritierte Professor für Musikpädagogik wurde 1925 in Kassel geboren.

„Als jemand, der die Nazi-Diktatur erlebt hat, finde ich es unerträglich, erlaubte Demonstrationen in unserer Demokratie mit dem heroischen Widerstand der Geschwister Scholl in der Nazi-Zeit gleichzusetzen“, sagt der 95-Jährige.

„Jana aus Kassel“: Professor findet NS-Vergleiche unerträglich

Sein Vater, ein Kaufmann, der 1944 bei einem Bombenangriff ums Lebens kam, sei schon relativ früh der NSDAP beigetreten, habe aber bald gemerkt, „dass er aufs falsche Pferd gesetzt hatte“, erinnert sich Sons. Seine Mutter hingegen sei von Anfang an eine überzeugte Nazi-Gegnerin gewesen. „Sie war die einzige Frau, die ich kannte, die den Hitlergruß verweigerte.“

Denn ihre jüngste Schwester war mit einem Juden verheiratet. Die beiden flohen 1938 in die USA, kurze Zeit später folgte ihnen ihre Tochter mit ihrem Mann. Zu seiner Cousine habe er ein sehr herzliches Verhältnis gehabt, sagt Sons. Er erinnert sich, dass Klassenkameraden ihn vorwurfsvoll gefragt hätten, warum er mit einer Jüdin unterwegs sei.

„Jana aus Kassel“: Zeuge sah erhängte Soldaten an Bäumen hängen

Als Kind war Sons selbst im Deutschen Jungvolk, einer zur Hitlerjugend gehörenden Organisation für Jungen im Alter von 10 bis 14 Jahren. Bei Kriegsbeginn 1939 war er 14 Jahre alt. Neben seiner Mutter prägte ihn besonders auch seine damalige Deutschlehrerin. „Sie hat mit einem Kreis von ausgewählten Schülern verbotene Literatur etwa von Thomas Mann und Lola Landau gelesen“, schildert Sons. Sie habe ihm auch Gedichte per Feldpost geschickt. „Sie hat viel riskiert“, sagt Sons. „Ich habe schnell festgestellt, dass der Nationalsozialismus ein verbrecherisches System war.“ Aus diesem Grund findet Sons NS-Vergleiche wie von „Jana aus Kassel“ unerträglich.

Bei der Kriegsmarine: Das Foto zeigt Walter Sons als Seekadett im Jahr 1944 in Danzig.

Um nicht zur Waffen-SS zu müssen, habe er sich später freiwillig zur Kriegsmarine gemeldet. In den letzten Kriegstagen war Sons an der Oderfront. „Dort sah ich deutsche Soldaten, die an Bäumen erhängt worden waren. Um ihren Hals hing ein Schild mit der Aufschrift ,Ich war ein Feigling‘“.

„Jana aus Kassel“: Zeuge bezeichnet NS-Vergleiche als „ungeheuerlich“ und „dumm“

1945 geriet Sons in amerikanische, später in britische Kriegsgefangenschaft und konnte bei einem Transport fliehen. Mit viel Glück habe er damals überlebt. „Da war mir klar: Nie wieder Nazis.“ In der Vergangenheit hätten sich er und seine Frau Brigitte daher immer gegen Rechts engagiert.

Die NS-Vergleiche wie von „Jana aus Kassel“, die derzeit bei Protesten gegen die Corona-Politik der Bundesregierung laut werden, erscheinen ihm vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen „ungeheuerlich, dumm, borniert und unverschämt“. Die Welt sei aus den Fugen geraten. „Wir leben in einer Demokratie, in einer wirklich freien Zeit“, sagt der 95-Jährige.

„Jana aus Kassel“: Kasseler kämpft mit Fakten gegen Fake News

Natürlich gebe es viele Unsicherheiten und Schwierigkeiten in der derzeitigen Situation. Auch mache die Regierung sicherlich Fehler. „Das ist doch klar. Wir hatten es noch nie mit einer weltumspannenden Pandemie zu tun.“ Die Politik müsse Schritt für Schritt lernen, mit der Situation umzugehen. „Aber wir haben großes Glück. Ich wünsche mir weiß Gott nicht, jetzt in einer Diktatur zu leben.“

Der Geschichtsvergessenheit und Fake News setzt Sons Aufklärung und Fakten entgegen. In der Vergangenheit hat er als Zeitzeuge Schülern von seinen Erlebnissen berichtet, um sie politisch zu bilden. „Sie müssen von Anfang an lernen, solidarisch zusammenzuleben“, sagt Sons – und wiederholt: „Wir haben großes Glück.“

Nun hat sich auch Jan Böhmermann zu Wort gemeldet. Er macht „Jana aus Kassel“ in seiner TV-Show lächerlich. (Nicole Schippers)

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