Uni Kassel

Je stiller die Fahrgäste, desto besser: Kasseler Studie zu ÖPNV in der Pandemie

Marissa Reiserer
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Weniger Nachfrage in der Pandemie: Der ÖPNV leidet unter der Coronakrise.

Forscher der Uni Kassel wollen Busse und Bahnen für die Coronakrise und andere Pandemien rüsten.

Kassel – „Emilia“ könnte den öffentlichen Nahverkehr fit für die Pandemie machen. Die Abkürzung steht für das Forschungsprojekt „Entwicklung eines pandemieresistenten öffentlichen Personennahverkehrs“, das gerade an der Uni Kassel anläuft.

Seit Corona vor einem Jahr in Deutschland angekommen ist, vermeiden viele Menschen Fahrten mit Bus und Bahn, aus Sorge sich dort anzustecken. Das gefährdet die Verkehrswende, die nötig ist, um den CO2-Ausstoß zu drosseln und damit das Klima nicht weiter aufzuheizen.

Das Ziel

Noch gibt es nur vereinzelt Studien zur tatsächlichen Ansteckungsgefahr in öffentlichen Verkehrsmitteln. Diese deuten aber auf ein relativ geringes Infektionsrisiko hin. Das Forschungsteam um Prof. Dr. Carsten Sommer und sein Team am Fachgebiet Verkehrsplanung und Verkehrssysteme wollen nun detailliert untersuchen, welche Faktoren bei Ansteckungsgefahren im ÖPNV eine Rolle spielen und mit welchen Mitteln man Risiken minimieren kann. „Alle Menschen sollen mit einem guten Gefühl den öffentlichen Nahverkehr nutzen können“, sagt Sommer.

Die Simulation

Aktuell bereiten die Forscher in Zusammenarbeit mit Experten der französischen Firma ESI eine Simulation vor, die die Ausbreitung von Aerosolen darstellt – das sind feinste Atemtröpfchen, die Viren transportieren können. Dabei werden keine echten Messungen vorgenommen, sondern die Wege der Aerosole in Bussen und Bahnen modelliert. Für ein möglichst realistisches Szenario sollen unter anderem Original-Fahrzeuge der KVG dreidimensional vermessen werden, sagt Projektmitarbeiterin Marissa Reiserer. Dabei spielt etwa eine Rolle, wie die Sitze angeordnet sind, wo Türen und Lüftung sich befinden.

Auch das Temperaturgefälle zwischen Innen und Außen fließt in die Berechnungen ein. So sei in der Heizperiode bei Minusgraden der Luftaustausch bei geöffneten Tram- und Bustüren deutlich höher als bei milden Temperaturen, erklärt Sommer. Wichtigster Faktor sei aber vermutlich die Auslastung der Fahrzeuge. Denn wenn mehr Menschen mitfahren, kommen sie sich nicht nur näher, sondern auch das Risiko, dass Infizierte darunter sind, ist höher.

Die Stellschrauben

Anhand der Simulationen wollen die Forscher überprüfen, wie die Fahrzeuge möglichst infektionssicher gestaltet werden können: Bringen Trennscheiben zwischen den Sitzen etwas? Gibt es Unterschiede zwischen Lüftungssystemen und Filtertypen? Auch das Verhalten der Fahrgäste spielt eine Rolle: Denn wer laut redet oder schreit, stößt mehr Aerosole aus. In Teilen Spaniens gilt deshalb schon eine Art Schweigepflicht und ein Telefonierverbot im ÖPNV.

Die Befragung

Um jenseits der objektiven Risiken auch herauszufinden, welche persönlichen Bedenken Menschen davon abhalten, den ÖPNV zu nutzen, hat das Forschungsteam eine Umfrage gestartet. Dafür wurden 3000 Kasseler angeschrieben. Man hoffe, dass sich nicht nur ÖPNV-Nutzer beteiligen, sondern auch Menschen, die nicht mit Bus und Bahn fahren, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin Natalie Schneider. „Um den ÖPNV zu stärken, müssen wir wissen, was die Nicht-Kunden wollen.“ Die Befragungen sollen zu verschiedenen Zeitpunkten wiederholt werden, um zu überprüfen, wie das Mobilitätsverhalten der Menschen von Rahmenbedingungen wie Inzidenzwerten, Impfquote oder eben neuen Informationen zu Infektionsrisiken abhängt.

Die Perspektive

Die Studie ist auf drei Jahre angelegt. Zwischenergebnisse soll es aber schon im Laufe des Jahres geben. Dass die Erkenntnisse mit einem Abflauen der Corona-Pandemie unterinteressant werden, glaubt Sommer nicht: „Gesundheit wird auch in Zukunft eine große Rolle spielen.“ Eine Grippewelle gebe es jedes Jahr – und auch auf weitere Pandemien müssten die Menschen sich einstellen. (Katja Rudolph)

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