Frauenhäuser benötigen mehr Plätze zur Unterbringung

Gewalt in Familien nimmt wegen Corona zu: Steigende Fallzahlen auch in Kassel

Angespannte Lage in den Frauenhäusern: Das Angebot an Plätzen deckt keinesfalls die Nachfrage.
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Angespannte Lage in den Frauenhäusern: Das Angebot an Plätzen deckt keinesfalls die Nachfrage.

Kassel – Die Corona-Pandemie und die damit verbundene Isolation vieler Familien führt offenbar zu einem Anstieg der häuslichen Gewalt.

Weil aber schon jetzt die meisten Frauenhäuser – darunter auch jene in Stadt und Kreis Kassel – belegt sind, wird es immer schwerer, Betroffenen geeignete Hilfen anzubieten. In einer Kooperation der HNA mit dem Recherchenetzwerk Correctiv.Lokal stellen wir die aktuelle Situation dar.

Für den Bereich der Kindeswohlgefährdung ist zumindest in der Stadt Kassel 2020 ein deutlicher Anstieg der Gefährdungsanzeigen erkennbar: Wurden 2019 noch 376 Fälle gezählt, waren es im Corona-Jahr schon 491. Und waren diese Fälle 2019 noch in 27 Prozent auf häusliche Partnerschaftsgewalt zurückzuführen, galt dies ein Jahr später für 34 Prozent.

Die Stadt erklärt sich den Anstieg vor allem mit zwei Ursachen. Kleine Wohnungen und wenig Außenfläche führten dazu, dass die Menschen weniger Rückzugsmöglichkeiten hätten. Die Reduzierung auf den Wohnraum mache es schwieriger, in Krisensituationen einen Ausweichort zu finden. Neben der räumlichen Enge gebe es Existenzängste durch Kurzarbeit oder Jobverlust.

Aber auch die Aufmerksamkeit für das Problem sei gestiegen: Weil mehr Menschen im Homeoffice arbeiteten, würden Fälle häuslicher Gewalt in Mehrfamilienhäusern eher wahrgenommen und gemeldet, so eine Rathaus-Sprecherin. Die Bundesregierung rechnet mit einer Dunkelziffer von 80 Prozent.

Auch bei den angezeigten Fällen – die nur die Spitze des Eisberges abbilden – registrierte die Polizei vergangenes Jahr einen leichten Anstieg in der Stadt. Im Kreis blieb das Niveau ungefähr gleich. Genaue Zahlen liegen für 2020 noch nicht vor. Aber zuletzt waren es in Kassel 500 und im Kreis 300 Anzeigen.

Dabei war es zu Beginn des ersten Lockdowns bei den Beratungsstellen und in den Frauenhäusern eher ruhiger. Wegen der Hygienevorschriften seien persönliche Gespräche nicht möglich gewesen, sagt Regina Kusserow von der Beratungsstelle des Landkreises Kassel. Zudem sei es für betroffene Frauen, deren Männer in dieser Zeit meist zu Hause waren, komplizierter gewesen, unbemerkt Kontakt mit einem Hilfsangebot aufzunehmen. Nach den ersten Lockerungen sei die Nachfrage spürbar gestiegen.

Um die Frauenhäuser zu entlasten, hat die Stadt externe Appartements angemietet und mehr Personal finanziert.

Die Situation der Frauenhäuser in Stadt und Kreis Kassel war auch schon vor der Corona-Pandemie angespannt. So sind deren Plätze in den vergangenen Jahren über die meiste Zeit belegt gewesen. Wobei die Stadt Kassel darauf verweist, dass das Autonome Frauenhaus in Kassel auch viele Frauen aufnimmt, die aus anderen Kommunen stammen.

Die Anonymität einer Großstadt sei für viele Betroffene, insbesondere wenn sie aus ländlichen Regionen kämen, ein angenehmeres Lebensumfeld, sagt Regina Kusserow von der Beratungsstelle Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel. Die Betroffenen wollten nicht in der Nähe ihrer Peiniger leben.

Der generelle Mangel an Frauenhausplätzen mache sich auch im Corona-Jahr bemerkbar, so Kusserow weiter. Wobei die Zahl der Anfragen im Frauenhaus des Landkreises 2020 nicht weiter gestiegen sei. Jede zweite Anfrage habe aber weitervermittelt werden müssen, weil es keine Kapazitäten mehr gegeben habe. Teilweise sei die Vermittlung durch Quarantäneregeln und Aufnahmebegrenzungen zusätzlich erschwert gewesen.

Dies ist kein Einzelfall: Nach einer Erhebung des Recherchenetzwerkes Correctiv.Lokal waren im November und Dezember in Hessen neun von 31 Frauenhäuser dauerhaft belegt. Die vom Europarat geforderte Quote von einem Frauenhausplatz pro 7500 Einwohner wird in Hessen mit 0,87 Plätzen für 7500 Einwohner nicht erreicht.

„Für das Frauenhaus wurde uns eine Quarantäne-Wohnung vom Landkreis Kassel zur Verfügung gestellt, um Frauen auch kurzfristig aufnehmen zu können“, sagt Kusserow. Bei den Bewohnerinnen im Haus lasse sich aufgrund der Corona-Beschränkungen eine zusätzliche psychische Belastung beobachten.

Diese spüren die Mitarbeiter auch bei der telefonischen und persönlichen Beratung. Insgesamt gab es vergangenes Jahr im Kreis 187 Beratungen, 94 davon zum Thema häusliche Gewalt. Dies ist gegenüber 2019 sogar ein leichter Rückgang. Diesen erklärt sich Kusserow damit, dass die Hilfsangebote wegen Corona zeitweise nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung standen.

Der Verein Frauen helfen Frauen im Kreis wird öffentlich gefördert. „Wir freuen uns aber gerade in diesen Tagen auch über private Geldspenden“, so Kusserow. So könnten coronabedingte Zusatzkosten für Schnelltests, Schutzmasken und Desinfektionsmittel getragen werden. (Bastian Ludwig)

Kontakte für Betroffene: Stadt: Frauen informieren Frauen 0561/ 89 31 36; Autonomes Frauenhaus 0561/ 89 88 89 Kreis: Frauen helfen Frauen im Landkreis Kassel 0561/ 491 04 34, frauenhaus-lk-kassel.de

Kooperationsprojekt: Dieser Bericht ist Teil einer Exklusiv-Recherche, die auf einer Kooperation unserer Zeitung mit BuzzFeed News und Correctiv.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, basiert. Unter dem Titel „Frauenhäuser am Limit“ berichten heute etliche deutsche Zeitungen zum Thema häusliche Gewalt in Corona-Zeiten. Für die Recherche hatte Correctiv.Lokal 364 Frauenhäuser zur Beteiligung an einer Umfrage eingeladen.

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