Zahl der Durchfaller steigt tendenziell an

Jeder Dritte in Kassel fällt durch die Fahrprüfung

Sicher am Steuer: Fahrlehrerin Sandra Sellner bereitet Anabel Reichert auf ihre praktische Fahrprüfung vor. Auch wo das Warndreieick sich im Auto befindet, muss die Fahrschülerin wissen.

Kassel. Der Führerschein wird für viele zur großen Hürde. Vor allem die praktische Prüfung macht Kassels Fahrschülern zu schaffen. Hier fiel laut Uwe Hermann vom TÜV Hessen im vergangenen Jahr etwa jeder Dritte (31,9 Prozent) durch.

Damit liegt Kassel über dem hessischen Durchschnitt von 23 Prozent.

Ähnlich sieht es in der Theorieprüfung aus: In Kassel hat 2017 jeder Vierte (24,8 Prozent) nicht bestanden. Die Durchfallquote in Hessen lag hingegen bei mehr als 31 Prozent. Das zeigen aktuelle Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes. Anders als im bundes- und hessenweiten Schnitt schneiden die Kasseler Fahrschüler in der Praxis weitaus schlechter ab als in den Theorieprüfungen.

Fest steht jedoch: Die Zahl der nichtbestandenen Führerscheinprüfungen insgesamt steigt überall tendenziell an. Diesen Trend können auch Kassels Fahrlehrer bestätigen. „Man kann schon sagen, dass mehr Fahrschüler durchfallen als früher“, sagt Udo Sellner, Betreiber der Fahrschule an der Kohlenstraße in Wehlheiden. Jeder Dritte sei es in der Fahrschule Sellner seiner Einschätzung nach jedoch noch nicht.

Aber woran liegt es, dass immer mehr Führerscheinanwärter an der Prüfung scheitern? Laut Sellner gibt es dafür viele Gründe. Vor allem einer sei ausschlaggebend: „Bei uns melden sich immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund für den Führerschein an.“ Da gebe es dann häufig Verständnisprobleme, die bei den ohnehin schon schwierigen Theoriefragen zu Problemen führen.

Harald Hildebrandt, Fahrlehrer der Fahrschule an der Landgraf-Karl-Straße, bemerkt: „Der Führerschein steht bei vielen nicht mehr an erster Stelle.“ Das bestätigt auch Lothar Toepper vom Landesverband der Hessischen Fahrlehrer. Das Engagement der Fahrschüler sei zunehmend gesunken, die Tests hingegen seien eher anspruchsvoller.

Teure Fahrprüfung setzt unter Druck

An feuchte Hände und ein klopfendes Herz vor der Führerscheinprüfung können sich wohl die meisten noch erinnern. Im besten Fall dann auch an das erleichternde Gefühl, wenn endlich alles bestanden ist. Doch das ist heute gar nicht mehr so selbstverständlich. Was fehlt? Der Ehrgeiz? „Ich habe das Gefühl, einige Fahrschüler strengen sich einfach nicht mehr so an“, sagt der Kasseler Fahrlehrer Harald Hildebrandt. 

Früher hätten sich die Schüler oft gegenseitig bei ihren Fahrstunden begleitet. „Heute steigen die meisten aus dem Auto und der erste Blick geht aufs Handy“, sagt Hildebrandt. Auch Fahrlehrer Udo Sellner hat den Eindruck, die Führerscheinanwärter seien nicht mehr so belastbar wie früher. „Es kommt zwar nicht dauernd vor, aber einige schwänzen ihre Fahrstunden und drängen gleichzeitig entgegen meines Rats auf die Prüfung“, sagt Sellner. 

Und die habe es in sich. Nicht nur Ankreuzen Vor allem die Theoriefragen seien im Laufe der Zeit immer schwieriger geworden. „Das Prüfungsformat hat sich geändert“, sagt Sellner. Mittlerweile müssen die Fahrschüler Videoszenarien einschätzen und nicht mehr nur Antworten zum Ankreuzen auswendig lernen. Aber nicht nur die Theorie-, sondern auch die praktische Prüfung sei eine extreme Drucksituation, sagt Timo Nolle, Prüfungscoach und systemischer Therapeut aus Kassel. 

„Bei der Führerscheinprüfung steht man unter ständiger Beobachtung.“ Das sorge für Stress. „Viele Fahrschüler neigen dann dazu, alles bewusst koordinieren zu wollen“, sagt Nolle. Und genau das sei der Fehler, denn Autofahren müsse automatisch passieren. Nolle rät vor allem Eines: Ruhe bewahren. „Das ist schon mal die halbe Miete.“ Außerdem sei es sinnvoll, vor der Prüfung andere Autofahrer zu begleiten und innerlich die Bewegungen mitzumachen. „Dann automatisiert sich das von ganz alleine“, sagt Nolle. 

Der Führerschein sei nach wie vor ein wichtiger Meilenstein im Leben. Und der Teufelskreis ist: Je öfter man durchfällt, desto teurer wird er.

Führerschein kostet etwa 1500 Euro

Ein fester Preis für den Führerschein lässt sich schwer nennen. Die Fahrschulen legen ihn nämlich selbst fest. Im Durchschnitt kostet er in Hessen 1500 Euro. Hessen ist damit laut einer Studie das viertteuerste Bundesland. Die Kosten setzen sich aus einer Grundgebühr von rund 170 Euro, einem Fahrstundenpreis von gut 30 Euro und einer Prüfungsgebühr von gut 20 Euro (Theorie) und etwa 120 Euro (Praxis) zusammen. Außerdem kommen diverse Kosten für beispielsweise den Erste-Hilfe-Kurs dazu. In der praktischen Fahrschulausbildung sind mindestens zwölf Stunden (jeweils 45 Minuten) vorgesehen. Die Theorie setzt sich in der Regel aus 12 Doppelstunden (zweimal 45 Minuten) Grundstoff und zwei Doppelstunden Zusatzstoff zusammen.

Hätten Sie das noch gewusst?

Die Theorie-Führerscheinprüfung ist ein Multiple-Choice-Test, zu jeder Frage sind mehrere Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Der Test wird mittlerweile am Computer absolviert.

1. Sie fahren auf einer neu angelegten Straße durch bewaldetes Gebiet. Womit müssen Sie rechnen? 

A: Wild überquert unerwartet die Fahrbahn 

B: Mit einem Hindernis durch einen Wildunfall 

C: Auf neu angelegten Straßen sind Wildunfälle nicht zu erwarten.

2. Wozu kann langes Fahren mit höherer Geschwindigkeit führen? 

A: Die Reaktionsbereitschaft nimmt zu 

B: Es wird zu dicht aufgefahren 

C: Das Gefühl für die Geschwindigkeit lässt nach

3. Wie müssen Sie nachts ein Fahrzeug sichern, das an einer Stelle liegen geblieben ist, an der es eine Gefahr für den übrigen Verkehr bildet? 

A: Rückfahrscheinwerfer einschalten 

B: Warndreieck in ausreichender Entfernung aufstellen 

C: Sofort Warnblinklicht einschalten

4. Womit ist bei Dunkelheit eine Ladung zu kennzeichnen, die mehr als 1 m über die Rückstrahler des Fahrzeugs hinausragt? 

A: Mit roter Leuchte und rotem Rückstrahler 

B: Durch Einschalten der Nebelschlussleuchte 

C: Mit orangefarbener Warntafel

Die Lösungen: 

1. A + B

2. B + C

3. B + C

4. A

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