Luftfahrtbranche durch Pandemie besonders hart getroffen

Pilot aus Kassel über seinen Beruf und die Situation in Coronazeiten

Für ihn ist jeder Flug ein Abenteuer: Swindger Juniel aus Schauenburg arbeitet als Pilot bei der Fluggesellschaft Sundair.
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Für ihn ist jeder Flug ein Abenteuer: Swindger Juniel aus Schauenburg arbeitet als Pilot bei der Fluggesellschaft Sundair.

Die Coronakrise hat die Luftfahrtbranche besonders hart getroffen. Wir haben mit Swindger Juniel, Pilot aus Schauenburg, über den, wie er sagt, „schönsten Beruf der Welt“ und die Auswirkungen der Pandemie auf die Luftfahrtbranche gesprochen.

Kassel - Noch vor wenigen Monaten waren Flugreisen für viele Menschen eine Selbstverständlichkeit. Das Coronavirus hat allerdings auch die Luftfahrtbranche hart getroffen – zu Zeiten des ersten Lockdowns waren kaum noch Flugzeuge unterwegs.

Herr Juniel, wann sind Sie zuletzt geflogen?
Das ist glücklicherweise erst ein paar Tage her – von Düsseldorf nach Kreta. Normalerweise hat jeder Pilot bei Sundair einen festen Standort – bei mir ist das Paderborn. In Coronazeiten fliegt man aber entsprechend dort, wo es Aufträge gibt.
Wie haben Sie die vergangenen Monate erlebt?
Bis März war noch alles in Ordnung. Dann kam es zum ersten Lockdown, der die Luftfahrt bereits sehr schwer getroffen hat. Ab diesem Zeitpunkt gab es so gut wie keine Flüge mehr. Wir saßen zuhause und waren in Kurzarbeit. Wir haben uns wie jeder andere auch gefragt, wie es weitergehen wird.
Und wie ging es weiter?
Es hat sich langsam wieder etwas entspannt. Anfangs handelte es sich vorwiegend um Positionierungsflüge, weil die Flugzeuge an verschiedenen Standorten geparkt waren. In den Sommerferien gab es tatsächlich relativ viele Flüge. Der zweite Lockdown hat das Fliegen jetzt wieder massiv eingeschränkt. Aktuell fliege ich pro Woche ein bis zwei Mal. Vor Corona waren es vier bis fünf Flüge pro Woche.
Sie sagen: „Pilot ist der schönste Beruf der Welt“.
Definitiv. Morgens im Sonnenaufgang starten und im Sonnenuntergang landen, ist ein Traum. Das Fliegen an sich macht mir viel Spaß. Jeder Flug ist ein Abenteuer und keiner wie der andere.
Haben Sie eine Lieblingsstrecke?
Ich fliege besonders gern nach Ägypten. Das ist von der Topografie am eindrucksvollsten. Beim Start in Deutschland ist es oft noch regnerisch grün und man landet in einer Wüstenlandschaft mit blauem kristallklarem Meerwasser.
Wollten Sie als Kind wie viele andere auch mal Feuerwehrmann werden?
Nein, ich wollte nie etwas anderes werden. Seitdem ich fünf Jahre alt bin, war es mein großer Traum zu fliegen. Auf dieses Ziel habe ich hart hingearbeitet. Die Ausbildung kannte ich damals nur von der Bundeswehr oder von Lufthansa. Bei beiden habe ich die Auswahlverfahren bestanden, am Ende hat es kurz vor der Zusage nicht gereicht. Ich hatte damals einen Freund, der auch unbedingt Pilot werden wollte, wir haben uns zusammen entschieden, die Ausbildung privat zu machen. 65 000 Euro hat das gekostet.
Wie kann man das als junger Mensch finanzieren?
Meine Eltern haben mich finanziell unterstützt. Das Geld habe ich ihnen später zurückgezahlt. Aber sie haben mir auch so viel Halt gegeben. Wenn man das erste Mal länger im Ausland ist und sechs Tage die Woche fliegt, ist das wahnsinnig anstrengend. Ich hatte viele Freunde zu Abizeiten, jetzt sind es noch eine Hand voll. Der Beruf ist mit Blick auf Arbeitszeiten und Standorte ein stückweit lebensverändernd, dessen muss man sich bewusst sein. Auch für meine Partnerin ist das mit Sicherheit nicht immer leicht.
Entsteht so auch ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Crew?
Das ist vielleicht nicht offensichtlich, aber ich empfinde es als besonders kennzeichnend, dass man als Crew immer zusammen und nie gegeneinander arbeitet. Im Fokus steht, einen guten und sicheren Flug zu absolvieren. Einzelkämpfermentalität hat da nichts zu suchen.
Machen Sie sich Gedanken auf dem Flug, welche Probleme auftreten könnten?
Die Herausforderungen, die im Flugsimulator auftreten, sind sehr realistisch. Ein ungutes Gefühl habe ich nicht, sonst hätte ich nicht Pilot werden dürfen.
Im Cockpit sitzen immer zwei: Was unterscheidet Co-Pilot und Kapitän?
Der Kapitän sitzt vorne links und hat mehr Erfahrung und auch Verantwortung. Wenn die Türen geschlossen sind, gilt das Hoheitsrecht des Kapitäns. Vielleicht kann man sich das im Vergleich mit einem Schiff besser vorstellen. Auch der Flugzeug-Kapitän ist für die Crew und die Menschen an Bord verantwortlich.
Wäre diese Aufgabe auch etwas für Sie?
Ich könnte es mir auf jeden Fall vorstellen, Kapitän bei Sundair zu werden, aber da spielen sehr viele Faktoren rein. Neben der Flugerfahrung wird auch der Umgang mit den Mitmenschen und die Führungsqualitäten begutachtet.
Viele Ihrer Kollegen anderer Fluggesellschaften haben durch Corona schon ihren Job verloren.
Ja, das stimmt leider. Die Meisten lieben nach wie vor unseren Beruf. Ich glaube, niemand meiner Kollegen würde etwas anderes lieber machen wollen, weil sie von der Faszination Fliegen einfach gefesselt sind. Es gibt derzeit sehr viele Piloten, die auf Jobsuche sind, weil auch vor Corona schon einige Fluggesellschaften Insolvenz beantragten. So etwas Unberechenbares wie das Coronavirus hatten wir noch nie. Die Krise hat die Situation der Piloten massiv verschlechtert.
Glauben Sie, dass man in zwei Jahren wieder so Urlaub machen kann, wie wir es bisher kannten?
Ich denke schon. Wenn es einen Impfstoff gibt, wird auch Urlaub wieder so möglich sein, wie wir ihn kennen. Aber eine sichere Prognose wird derzeit niemand geben können. Ich habe viele Freunde und Bekannte, die gern wieder in den Urlaub fliegen würden, da ist der Drang deutlich spürbar.
Was bedeutet Reisen für Sie als Privatperson?
Ich sage immer: Es ist eine unserer größten Errungenschaften, die Welt erleben zu können. Der Fernweh-Wunsch der Menschen ist mindestens genauso stark wie das Heimweh. Ob ich eine Woche im Urlaub in meinem Garten sitze oder am Strand, das macht aber aus meiner Sicht einen deutlichen Unterschied in der Erholungsphase. Deshalb wird Fliegen und Reisen genauso wieder und vielleicht zukünftig auch ökologischer möglich sein.
Sie sprechen ein viel diskutiertes Thema an: Wie sehen Sie Ihren Beruf mit Blick auf den Klimawandel?
Ich bin Vegetarier und lebe sehr nachhaltig. Ich denke, wenn jeder aus den Mitteln, die er im Alltag zur Verfügung hat, das Beste macht, dann können wir auch nachhaltig wirtschaften und unseren Kindern einen schönen Planeten hinterlassen. Da macht es keinen Unterschied, ob jemand einen Bus fährt, ein Flugzeug fliegt oder als Lehrer unterrichtet. (Kathrin Meyer)

Zur Person: Swindger Juniel

Swindger Juniel (35) stammt aus Frankfurt. Juniel hat die Ausbildung zum Piloten privat gemacht und 2009 erfolgreich abgeschlossen. Danach ist Juniel mehrere Jahre Privatjets für verschiedene Eigentümer geflogen, bevor er nach weiteren Stationen zu Sundair wechselte. Bei Sundair fühlt er sich wohl. Er fliegt als First Officer den Airbus A320 und A319. Bei Sundair war er anfangs in Kassel stationiert, dann in Bremen, nun ist er in Paderborn. Als Ausgleich zum Beruf macht Juniel viel Sport. Er lebt mit seiner Ehefrau in Schauenburg. Der Name Swindger stammt übrigens aus dem Altgermanischen und bedeutet schneller starker Speer. (kme)

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