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„Jetzt bin ich mal dran“: Kasselerin erzählt zum Tag der Wohnungslosen von ihrem Leben auf der Straße

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Von: Bastian Ludwig

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Im Gespräch: Angelika F. (rechts) und Gertrud W. (links) mit Ellen Dietrich von der Wohnraumhilfe für Frauen des Diakonischen Werkes (Mitte).
Im Gespräch: Angelika F. (rechts) und Gertrud W. (links) mit Ellen Dietrich von der Wohnraumhilfe für Frauen des Diakonischen Werkes (Mitte). © Bastian Ludwig

Wie sich ein Leben auf der Straße anfühlt, das weiß Angelika F. aus Kassel. Zum Tag der Wohnungslosen erzählt sie darüber.

Kassel – Angelika F. ist eine Kümmererin. Die 61-Jährige war schon als Kind durch die Sorge um ihre kranke Mutter und ihre vier jüngeren Geschwister so belastet, dass sie schon in der Jugend zum Alkohol griff. 20 Jahre lebte sie auf der Straße. Am Freitag saß die Rentnerin mit anderen Wohnungslosen und ehemaligen Wohnungslosen auf dem Opernplatz. Dorthin hatten das Diakonische Werk, die Heilsarmee und die Soziale Hilfe zum Frühstück geladen. Anlass war der bundesweite Tag der Wohnungslosen, der offiziell erst am Sonntag stattfindet.

Wenn Angelika F. von ihrer Kindheit im Großraum Köln erzählt, ist wenig von Familienidylle zu hören. Ihre Mutter hatte ihren späteren Mann und den Vater von Angelika über eine Zeitungsannonce kennengelernt. „Sie hat sich damals blenden lassen von der guten Wohnlage meines Vaters“, sagt die Rentnerin. Erst später habe sie realisiert, dass ihr Mann Alkoholiker ist.

Dennoch kamen vier Kinder zur Welt. Angelika F. spricht von Gewalterfahrungen in ihrer Familie – konkreter wird sie nicht. Weil ihre Mutter an einer Immunerkrankung litt, die ihre Gelenke angriff, musste sich die älteste Tochter früh um ihre Mutter und die Geschwister kümmern. Nach der Hauptschule und einer abgebrochenen Lehre beim Bäcker habe sie den Druck nicht mehr ausgehalten und sei mit 21 Jahren abgehauen. Es sei ihr schwer gefallen, die kranke Mutter ihren Geschwistern zu überlassen. Diese hätten sich bis dahin nie um diese gekümmert.

Angelika F. lebte in Köln mit Punkern unter einem Dach. Später verbrachte sie die Nächte unter Brücken und im Wald. Aus Sorge vor Überfällen habe sie sich lieber an Orten zum Schlafen gelegt, an denen keine Menschen unterwegs waren. In der Zeit in Köln lernte sie mit 30 Jahren ihren späteren Mann kennen, der auch wohnungslos war. Die beiden heirateten und bekamen zwei Töchter.

Zu dem Zeitpunkt lebte sie in einer Wohngemeinschaft der Organisation Emmaus, die gegen Obdachlosigkeit kämpft. Als ihr Mann vor 18 Jahren nach Kassel zog, folgte sie ihm. Zunächst lebte sie wieder auf der Straße. Aber schon wenige Woche später bekam sie eine Wohnung vermittelt. Bis heute wohnt sie im ambulant Betreuten Wohnen des Diakonischen Werkes. In ihrer 44-Quadratmeter-Wohnung an der Kölnischen Straße pflegte sie zuletzt ihren Mann bis zu dessen Tod vor acht Monaten. „Jetzt habe ich die Schnauze voll, mich um andere zu kümmern. Jetzt bin ich mal dran“, sagt die 61-Jährige.

Sie lebt von 700 Euro Rente und erhält ergänzende Sozialhilfe. Abzüglich des Anteils, den sie zur Miete beisteuern muss, bleiben ihr monatlich 300 bis 400 Euro. Weil die Kasseler Tafel keine Kunden mehr aufnimmt, kauft sie vor allem im Discounter und holt sich Brötchen und Brot von der Bahnhofsmission. Bekleidung kauft sie Second Hand.

Der große Wunsch von Angelika F. ist ein Hund. Wegen einer Fehlbildung des Hüftgelenks leidet sie aber unter Schmerzen. „Deshalb passt ein Hund leider nicht in meine Situation“ sagt sie.

Ihre Töchter (28 und 30 Jahre) leben heute in Köln und auf Malta. Mit Malta habe sie gerade erst telefoniert.

In Kassel gelten etwa 1000 Menschen als wohnungslos. 830 leben in Notunterkünften, der Rest auf der Straße. (Bastian Ludwig)

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