46 Jahren an der Dialyse - Das ist Rene Kempkas Lebensgeschichte

Baunataler ist seit 46 Jahren an der Dialyse - Jetzt will er ins Guinnessbuch

Rene Kempka ist seit 46 Jahren an der Dialyse. In dem italienischen Eiscafé im Baunataler Stadtteil Großenritte ist er Stammgast.
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In bunten Klamotten: In diesem italienischen Eiscafé in Baunatal trinkt Rene Kempka gern Cappuccino.

Seit 46 Jahren ist Rene Kempka an der Dialyse. Nun will der 62 Jahre alte Baunataler ins Guinnessbuch der Rekorde. Das ist seine Geschichte in Zahlen.

Rene Kempka hat Großes vor. Dass er seit Teenager-Tagen nierenkrank ist und mehrmals pro Woche an eine Dialysemaschine muss, ist dem 62-Jährigen aus dem Baunataler Stadtteil Großenritte nicht anzumerken. Im Gegenteil. Jetzt will er ins Guinnessbuch. „46 Jahre an der Dialyse – da dürfte es nicht so viele geben“, sagt er. Ein Antrag sei gestellt. Und die Chancen stehen nicht schlecht. Sein behandelnder Arzt, Dr. Hans-Jürgen Talartschik, sagte bereits im vergangenen Jahr, dass 45 Jahre mit Dialyse etwas ganz Besonderes seien.

Warum also nicht? Kempka strotzt vor Tatendrang, Ideen und Humor. Das allein ist schon rekordverdächtig. Wir stellen seine Geschichte in Zahlen vor:

1,5 Minuten stand sein Herz still. Das war in den 70er-Jahren, als ihm eine neue Niere transplantiert wurde. Vor einem halben Jahr gab es ebenfalls einen kritischen Moment. Da hatte Kempka einen Herzanfall. „Ich lag im Krankenwagen und dachte: Scheiße, soll’s das jetzt gewesen sein?“

3 ernsthafte Beziehungen hatte der jetzige Single. Zweimal verheiratet, zweimal geschieden, und er hat heute noch einen guten Draht zu seiner Ex-Freundin Sandra, die in England lebt.

5 Dinge nennt er, die ihm Kraft geben. Dazu gehören positives Denken, buddhistische Bücher, Wissen aneignen. Außerdem hört er jeden Morgen in sich hinein. „Ich stehe auf und stelle fest: Hey, prima, ich bin noch da.“ Überdies schließt er Deals ab. Mit sich, oder mit Talartschik, dem leitenden Arzt am KfH-Nierenzentrum in Kassel, wo Kempka seit 20 Jahren in Behandlung ist. Diese Deals lauten immer gleich: „Das erreiche ich noch.“

25 Jobs und Tätigkeiten ging der Tausendsassa in der Vergangenheit nach. Zum Beispiel hat er Radio- und Fernsehtechniker gelernt, er fuhr Taxi, war Nachtwächter, machte sich selbstständig, holte sein Fach-Abi nach, studierte Elektrotechnik und packte ein BWL-Studium noch oben drauf.

30 Eingriffe, schätzt Kempka, habe er in den ersten 20 Jahren seit Krankheitsbeginn über sich ergehen lassen müssen. Er sei sich vorgekommen wie ein Versuchskaninchen. Ein Wortspiel kann er sich nicht verkneifen: „Das ging ganz schön an die Nieren.“

50 Liter Blut werden bei ihm pro Dialyse-Vorgang gereinigt. Aus einer Vene im Arm fließt das Blut in den Apparat, wird gewaschen und dann über eine Arterie wieder in den Körper geleitet. Dieser Vorgang wiederholt sich mehrere Male.

74 Mal wurde in Deutschland eine Niere transplantiert, bevor Kempka eine neue bekam. Da war er 16. Sein Körper stieß das Organ aber ab. Nach weniger als drei Jahren musste es wieder raus. Danach entschied er sich nur für die Dialyse. Weil er während der Zeit mit der fremden Niere viele Medikamente nehmen musste, die unangenehme Nebenwirkungen auslösten. Und weil er kein Problem damit habe, dass eine Maschine sein Leben erhält. „Andere gehen zur Arbeit, ich gehe zur Dialyse“, sagt der Frührentner.

82 Kalorien enthält eine Tasse Cappuccino. Davon trinkt Kempka gern mal drei oder vier am Tag. Dabei liest er seine HNA. Am liebsten im italienischen Eiscafé um die Ecke. „Geht ja jetzt nicht. Aber Corona werde ich auch noch überstehen.“

100 verschiedene Paar Schuhe befanden sich im Laufe der 90er-Jahre in Kempkas Kleiderschrank. Alles Unikate. Das sei so ein Spleen, sagt er. Heute sind es noch 60 Paare. Er liebt es bunt. Es darf auch mal eine Hose in Lila sein. Dazu silberne Slipper. „In den Achtzigern war ich Fan von Prince. So einen lila Anzug wie er hatte ich auch.“

150 beträgt der Wert, der herauskam, als Kempka mal einen Intelligenztest gemacht hat. Ab einem IQ von 130 gelten Menschen als hochbegabt. In der Schule sei er nur der Kasper gewesen, erinnert sich Kempka. Worin er denn gut sei? „Ich kann gut analysieren.“

2880 Minuten pro Monat verbringt er an der Dialysemaschine. Dafür fährt er dreimal in der Woche nach Kassel ins KfH-Nierenzentrum – oder besser gesagt: Er nimmt sich ein Taxi. Die Prozedur der Blutreinigung dauert vier Stunden.

30.000 Euro müssen für einen gebrauchten Ford Mustang mitunter bezahlt werden. Kempka hat mal einen restauriert. Baujahr 1984. Die Schrauberei zählte zu seinen Hobbys. Wegen einer Arthritis ist das nicht mehr drin. Doch der Mann ohne Nieren lässt sich nicht unterkriegen. Er gewinnt seiner Situation sogar Positives ab. Ohne seine Krankheit hätte er wohl nicht studiert, sagt Kempka. Er habe auf Partys nicht das Problem, pinkeln gehen zu müssen. Und: „Ich habe keine Angst mehr.“ (Robin Lipke)

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