63-Jährige leitete Waren weiter, die per Daten-Klau bezahlt waren - Verfahren eingestellt

Jobangebot war Geldwäsche

Kassel. Am liebsten will die 63-Jährige gleich dem Staatsanwalt ins Wort fallen. Die Kasselerin, die sich am Mittwoch wegen leichtfertiger Geldwäsche vor dem Amtsgericht verantworten muss, ist nicht vorbestraft. Sie kennt sich nicht aus in Gerichtssälen, weiß nicht, wo sie sich hinsetzen muss oder wer wann reden darf. Und es gibt viel, das sie mitteilen möchte. Zum Schluss wird das Verfahren wegen geringer Schuld eingestellt.

Nachdem die Anklage verlesen ist, berichtet die 63-Jährige wie sie über eine Internet-Jobbörse Heimarbeit suchte. „Ich wollte aus Hartz IV raus“, sagt sie. Sie leide an „Entfernungsängsten“, könne manchmal lange das Haus nicht verlassen.

Das Angebot, das ihr dann ein Mann per E-Mail machte, sei ihr etwas komisch vorgekommen, sagt die Kasselerin: Sie sollte Pakete annehmen und zum Weiterversand umadressieren. Dafür sollte sie monatlich 1200 bis 1500 Euro erhalten. Es könnten bis zu zehn Pakete täglich eintreffen, begründete der E-Mail-Partner die hohe Vergütung. Ihr sei ein Arbeitsvertrag nach dreiwöchiger Probezeit versprochen worden.

Das erste Paket sei Ende Oktober 2009 eingetroffen. Eine Kamera oder ein Fernglas. In den Tagen darauf kamen Luxusstiefel, Laptops, Markenkleidung. Per E-Mail habe sie Adress-Etiketten erhalten und Hinweise, wann Paketdienste die Sendungen wieder abholen würden. Insgesamt habe sie sieben Pakete weitergeleitet, meist nach London, zwei nach Prag - Warenwert rund 7000 Euro.

Doch sie habe auch weitere Fragen gestellt. Etwa, warum ihr Name auf den Rechnungen für die per Kreditkarte bezahlten Luxusartikel stehe. Der E-Mail-Partner suchte sie zu beruhigen: „Machen Sie sich keine Sorgen. Sie haben keine Haftung dafür“, zitiert die 63-Jährige aus einer E-Mail. Tatsächlich - das geht aus der Anklage hervor - waren die Waren mit abgefischten Daten ahnungsloser Kreditkartenkunden bezahlt worden.

Irgendwann überwogen offenbar die Zweifel. Dem Amtsgericht überreicht die Kasselerin am Mittwoch einen E-Mail-Ausdruck, in dem sie dem Kontaktmann Anfang Dezember 2009 eine Anzeige angedroht habe. Auch mit dem Paketdienst habe sie sich in Verbindung gesetzt - man riet ihr, zur Polizei zu gehen. Die aber stand bald vor ihrer Tür.

„Sie können mich verklagen wegen meiner Dummheit“, sagt die 63-Jährige und betont zugleich: „Ich habe nix von mir aus gemacht.“ Das lässt die Richterin nicht gelten: „Sie haben als Paket-Agentur fungiert. Ohne Sie hätte dieses System nicht funktioniert“, schärft sie der Frau ein. Die Konten völlig unbeteiligter Menschen seien für die Luxusartikel belastet worden.

Wegen geringer Schuld wird das Verfahren eingestellt - der Kasselerin wird positiv angerechnet, wie sie an der Aufklärung mitwirkte. Beim nächsten Mal müsse sie mit Verurteilung rechnen, macht die Richterin ihr aber klar. Die Antwort folgt prompt: „Das verspreche ich Ihnen hoch und heilig: nie wieder.“

Von Katja Schmidt

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