LAnge Wartezeiten bei Nebenkosten

Technische Probleme und Krankenstand: Viele warten aufs Geld vom Jobcenter

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Kassel. Die Personalnot im Jobcenter Stadt Kassel hat Geldnot bei vielen der 21 650 Hartz-IV-Empfänger in der Stadt zur Folge.

Das Jobcenter kämpft mit der Umstellung auf ein neues Computerprogramm und mit einer Grippewelle unter Mitarbeitern. Die Folge: Viele Menschen geraten in Schwierigkeiten, weil sie vergeblich auf Geld warten, das ihnen zusteht.

Arbeitslose, die Grundsicherung bekommen, müssen auf Nachberechnungen lange warten, wenn sie mehr Geld zum Beispiel für die Nebenkosten der Wohnung brauchen. Ein Beispiel: „Ich muss jeden Cent umdrehen, um eine warme Wohnung zu haben“, beschreibt eine Betroffene das Problem. Die Vorauszahlungen für die Heizung hatten sich für sie erhöht. „Mir fehlen 50 Euro im Monat“, klagt die Frau. Weil die Leistungsabteilung des Jobcenters völlig überlastet sei, blieben Nachberechnungen liegen, gebe es trotz höherer Kosten nicht mehr Geld.

Weil sie ihren Verpflichtungen nicht nachkommen könnten, würden viele Menschen in Not geraten. Ausgerechnet vor Weihnachten würden die Betroffenen allein gelassen, „das ist schon sehr bitter“.

Die Situation sei in der Tat derzeit schwierig, räumt Jan Rümenap ein. Der stellvertretende Geschäftsführer des Jobcenters erklärt das mit der Umstellung auf ein neues, bundeseinheitliches Computerprogramm.

„Halbe Stunde pro Fall“

Alle Fälle müssten von den Mitarbeitern per Hand ins neue System überführt werden. „Das dauert eine halbe Stunde pro Fall“, sagt Rümenap. Seit dem Start der Umstellung im August habe man bereits ein Drittel der Fälle geschafft. Bis Juni 2015 müsse die Umstellung abgeschlossen sein. „Wir haben noch sechs Monate ein dickes Brett zu bohren“, ahnt Rümenap.

Immerhin seien jetzt alle Mitarbeiter in der neuen Software „Allegro“ zur Berechnung des Arbeitslosengeldes II geschult, was pro Mitarbeiter fünf Tage gedauert habe. Mit mehr Routine gehe die Arbeit mit dem neuen System flotter voran.

Zusätzlich zu schaffen mache dem Jobcenter der aktuell hohe Krankenstand bei den Mitarbeitern durch eine Grippewelle im November und Dezember.

Eine von betroffenen Hartz-IV-Empfängern vermutete Verringerung der Mitarbeiterzahl durch den Wegfall von Amtshilfen treffe nicht zu. „Wir bauen in der Leistungsgewährung kein Personal ab“, stellt Rümenap klar.

Priorität in der Bearbeitung hätten derzeit Neuanträge und Fortzahlungen, „damit die Leistungen pünktlich rausgehen.“ Nachberechnungen „schieben wir auf die lange Bank“.

Von Jörg Steinbach 

  

Hintergrund:

21.650 Menschen in Kassel leben von Hartz-IV-Leistungen

In der Stadt Kassel gibt es nach Angaben des Jobcenters aktuell rund 11 700 Bedarfsgemeinschaften, in denen 21 650 Personen von Arbeitslosengeld II leben. 15 500 von ihnen seien erwerbsfähig, haben aber keinen Job. Im August dieses Jahres hatte die Bundesagentur für Arbeit damit begonnen, in allen Jobcentern, die wie in Kassel von Kommune und Arbeitsagentur gemeinsam betrieben werden, auf die neue Computer-Software Allegro umzustellen. Damit werden künftig Geldleistungen berechnet und die Bescheide erstellt. Die Abkürzung Allegro steht für „Alg-II-Leistungsverfahren Grundsicherung Online“. Das Programm löst die bisherige Software „A2LL“ ab und soll auch den Kunden der Jobcenter Vorteile bringen. Die Leistungsbezieher würden in Zukunft verständlichere Bescheide erhalten, die die Berechnung des Jobcenters besser nachvollziehbar machen, verspricht die Agentur für Arbeit. Im Jobcenter Stadt Kassel sind derzeit insgesamt rund 270 Mitarbeiter an zwei Standorten tätig: Im Kasseler Rathaus und im Gebäude der Agentur für Arbeit Kassel am Grünen Weg. (ach)

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