Neuer Spielfilm: Helene Rocholl leitete auch in England ein Internat

Judi Dench spielt in neuem Film eine Kasselerin

Aus dem Fotoalbum einer Schülerin des Kasseler Töchterheims Landhaus: Helene Rocholl und ihr Mann Erwin wohnten ab 1922 in dem Gebäude auf der heutigen Marbachshöhe.
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Aus dem Fotoalbum einer Schülerin des Kasseler Töchterheims Landhaus: Helene Rocholl und ihr Mann Erwin wohnten ab 1922 in dem Gebäude auf der heutigen Marbachshöhe.

Vor wenigen Tagen ist in Großbritannien das britische Drama „Six Minutes to Midnight“ in die Kinos gekommen. In diesem spielt Judi Dench die aus Kassel stammende Leiterin eines Mädcheninternates Helene Rocholl. Wir erzählen ihre Geschichte.

Kassel/Bexhill on Sea – Dass es Helene Rocholl (1888-1960) sechzig Jahre nach ihrem Tod auf die Kinoleinwand schaffen würde, hätte sie zu Lebzeiten wohl nicht für möglich gehalten – noch dazu verkörpert von einer Top-Schauspielerin wie Judi Dench in einer Hauptrolle. Die Frau, die die längste Zeit ihres Lebens in Kassel verbrachte und hier mehrere Töchterheime führte, hatte kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ihre Spuren in einem britischen Seebad hinterlassen, das nun im Kino die Kulisse eines Dramas bildet. In dem Küstenstädtchen Bexhill on Sea führte Rocholl das Augusta Victoria College, eine Kaderschmiede für „Nazi-Girls“. Aber der Reihe nach.

Weg nach Kassel

Helene Rocholl wurde 1888 in Voerde (Niederrhein) als Tochter des Gutsbesitzers Bernhard Benninghoff geboren. Sie machte eine Ausbildung zur Hauhaltungslehrerin und führte schließlich ab 1915 ihr erstes eigenes Töchterheim an der Schlossteichstraße 13 in Kassel. Es handelte sich um eine Zweigstelle des Töchterheims Bergér, das sich an der Landgraf-Karl-Straße befand.

Töchterheim Landhaus: Das war eines von insgesamt vier Töchterheimen, die Rocholl führte.

Töchterheime wurden von Mädchen aus gutem Hause besucht, die dort die Haushaltsführung und Umgangsformen lernten, aber durchaus auch höhere Bildung genossen. In den 20er-Jahren kostete der Besuch eines solchen Internats – so ist es alten Anzeigen Kasseler Töchterheime zu entnehmen – 2000 Reichsmark pro Jahr. In Kassel gab es zeitweise mehr als ein Dutzend solcher Einrichtungen – die meisten in Bad Wilhelmshöhe und am Brasselsberg.

Zweifache Heirat

1919 heiratete Helene Benninghoff den Gutsbesitzer Erich Freiherr von Korff. Die Ehe zerbrach relativ bald, doch mit Pia von Korff – einer Verwandten ihres ersten Mannes – sollte die Töchterheimleiterin ein Leben lang verbunden bleiben und später in Bexhill on Sea das Internat führen.

Beim Tennis: Helene Rocholl (Dritte von links)

1922 baute sich die frisch geschiedene Frau ein Haus an der Wiegandsbreite 9, auf der heutigen Marbachshöhe. Und schon 1923 folgte die Heirat mit Dr. Erwin Rocholl, einem Rechtsanwalt und Notar aus Kassel. Das Wohnhaus an der Wiegandsbreite wurde von Helene Rocholl ab 1923 als Töchterheim „Landhaus“ betrieben. Ein altes Fotoalbum, das sich im Mulang-Archiv des Kasselers Friedrich Forssman befindet, dokumentiert das Leben der Rocholls mit den jungen Frauen, die aus ganz Deutschland nach Kassel kamen.

1926 wurde das Haus „Landhaus“ wieder verkauft, und Rocholl zog mit dem Töchterheim an die Burgfeldstraße 13 um. Dort führte sie es als „Haus Tücking“. Mehrere Lehrer und Lehrerinnen wurden dort von den Rocholls beschäftigt.

Zeit in England

Zum Zeitpunkt der Weltwirtschaftskrise 1929 wurde das Töchterheim „Haus Tücking“ aufgegeben und verkauft. 1932 verließ Helene Rocholl schließlich Kassel in Richtung Bexhill on Sea, wo sie das Augusta Victoria College aufbaute.

Dorthin schickten einflussreiche deutsche Familien aus dem nationalsozialistischen Deutschland ihre Töchter. Sie sollten dort unter anderem die englische Sprache, aber auch Umgangsformen erlernen. Pia von Korff, die Verwandte ihres ersten Mannes und Tochter des Kasseler Polizeipräsidenten, begleitete Rocholl nach England. Sie wurde die Assistentin von Rocholl und spielt auch im Film „Six Minutes to Midnight“ eine Rolle. Das Schul-Emblem zeigte den hessischen Löwen kombiniert mit einer Hakenkreuzflagge, der deutschen Reichsflagge und dem Union Jack.

Zu den Schülerinnen des deutschen Internats in England, die zwischen 16 und 22 Jahre alt waren, zählte die Tochter des NS-Reichsaußenministers Joachim von Ribbentrop, Bettina von Ribbentrop. Aber auch Herzeleide Prinzessin von Preußen, die Enkelin von Kaiser Wilhelm II., sowie Reinhild Gräfin von Hardenberg besuchten die Schule.

Letztere hat in ihrer Autobiografie über diese Zeit geschrieben. Die Gräfin ist zudem die Tochter des Widerstandskämpfers Carl-Hans Graf von Hardenberg. Das zeigt, dass nicht alle Schülerinnen überzeugte Nationalsozialistinnen gewesen sein können. Dennoch ist überliefert, dass Hitler-Ansprachen im Radio verfolgt und auch dessen Geburtstag im College gefeiert worden sein soll.

Zumindest Helene Rocholl wurden enge Kontakte zum Nazi-Regime nachgesagt. Als der Krieg kurz bevorstand, wurde das College im August 1939 aufgegeben.

Rückkehr nach Kassel

Als Rocholl 1939 nach Kassel zurückkehrte, zog sie in das Haus ihres Mannes an der Baunsbergstraße 44a.

Wie Helene Rocholl die Kriegsjahre verbrachte, ist nicht bekannt. 1949 jedenfalls ist sie wieder als Geschäftsführerin tätig. Nun führt sie abermals ein Augusta-Victoria-College, diesmal aber als Sprachenschule in Tutzing in Bayern. Wieder arbeitet sie mit Pia von Korff zusammen. Ihr Lebensmittelpunkt bleibt aber Kassel.

1950 lassen sich die Rocholls scheiden, und im Januar 1951 stirbt Erwin Rocholl an einer „Schlafmittelvergiftung“, wie es in der Sterbeurkunde heißt. Am 20. April 1960 stirbt schließlich auch Helene Rocholl in Tutzing.

Plakat des Spielfilms: In „Six Minutes to Midnight“ spielt Judi Dench die Kasselerin Helene Rocholl.

Der Film

„Six Minutes to Midnight“ erzählt vom Leben im Augusta Victoria College – der Film spitzt die realen Ereignisse aber zu. So spielt in dem Drama von Andy Goddard ein Englisch-Lehrer und Nazi-Gegner eine Rolle, der von der Polizei für einen Mord in der Schule verantwortlich gemacht wird. Wann der Film in Deutschland erscheint, ist noch unklar. (Bastian Ludwig)

Aufruf: Wer noch mehr zu Helene Rocholl weiß, bitte melden unter kassel@hna.de

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