Buch der 2012 gestorbenen Autorin Dorrith Sim aus Kassel gibt es in neuer Auflage

Ein jüdisches Kind erzählt

„Mit einem Namensschild um den Hals gingen wir von Bord“, schreibt Dorrith Sim in dem Kinderbuch „In meiner Tasche“. Foto:s nh

Kassel. Das Kinderbuch „In meiner Tasche“ der in Kassel geborenen Dorrith Sim gibt es jetzt in einer zweiten, überarbeiteten und mit einem informativen Vorwort versehenen Auflage. Erschienen ist es im Kasseler Opal-Verlag.

Dorrith Sim, die im vergangenen Jahr im Alter von 80 Jahren in Schottland gestorben ist, wurde am 8. Dezember 1931 geboren. Sie war das einzige Kind des jüdischen Kasseler Ehepaars Gertrud und Hans Oppenheim, das von Nazi-Schergen deportiert und in Auschwitz ermordet wurde. Ihr siebenjähriges Töchterchen konnten die Oppenheims vorher aus Nazi-Deutschland retten, indem sie es als sogenanntes Kindertransportkind über Holland nach Großbritannien zu Pflegeeltern schickten.

Kindertransport im Juli 1939

Über ihre Flucht aus der Kasseler Goethestraße (damals Kaiserstraße), ihre Einsamkeit, das Verlassen ihrer Familie und Heimat hat Dorrith Sim später ein englischsprachiges Kinderbuch geschrieben, denn ihrer Muttersprache Deutsch war sie beraubt worden. Sie beschreibt die Situation: „Kaum einer an Bord hatte an diesem Morgen gefrühstückt. Wir schrieben das Jahr 1939. Es war Juli. Wir waren auf einem Schiff, voll mit Kindern, die ihr Leben retteten.“ Sim beschreibt eine Situation, die 10 000, meist jüdische Kinder genauso  erlebt haben. Nach der Reichspogromnacht waren die Länder Großbritannien und Schweden bereit, von den Nazis bedrohte Kinder aufzunehmen. Allerdings ohne ihre Eltern. „Auf dem Bahnhof weinten alle Eltern beim Abschied. Wir weinten auch“, schreibt Sim. Sie selbst wurde später Mutter von fünf Kindern und Großmutter von neun Enkelkindern. Als Seniorin begann sie, ihre Muttersprache wiederzuerlernen. In ihrem letzten Lebensjahrzehnt war sie oft nach Kassel gereist, wo sie neue Freunde gewonnen hatte, mit denen sie Deutsch sprechen wollte.

Die Kasseler Verlegerin Veronica Kraneis hatte das von Gerald Fitzgerald illustrierte Buch erstmals 2000 in einer deutschen Übersetzung aufgelegt. Jetzt, nach Sims Tod, wurden ihr die Rechte von der Familie der Autorin übertragen. Das bewog Kraneis, die zweite Auflage herauszubringen. „Das Buch ist wichtig und auch für junge Leser geeignet, um sich der Thematik Shoa zu nähern“, erläutert Kraneis ihre Motivation. Vorwort und Originaltext sind in dem handlichen Buch auch in englischer Version zu lesen.

Dorrith M. Sim: In meiner Tasche, Opal-Verlag Kassel, 36 Seiten, 10 Euro,

ISBN 3-9806761-1-0,

Infos und Kontakt: www.upala.de

Von Christina Hein

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