Aus Traum wird Trauma

Wie Jugendliche in Kassel angeworben werden und nach Syrien gehen

Gefährliche Versprechungen: Offenbar sind mindestens sechs Menschen aus Kassel und Baunatal den Lockrufen des Islamischen Staates nach Syrien oder in die Türkei gefolgt. Unser Bild zeigt einen Mann, der einen Luftangriff auf die Stadt Kobane beobachtet. Foto: dpa

Kassel. Aus einem oft christlich geprägten Umfeld in Kassel verschwinden Jugendliche und junge Erwachsene, um in Lagern des Islamischen Staates (IS) in Syrien wieder aufzutauchen.

Diesen Weg sind nach HNA-Informationen mindestens sechs Personen aus Kassel und Baunatal gegangen. Die Dunkelziffer könnte aber noch höher liegen. Aus unseren Recherchen ergibt sich ein bestimmtes Strickmuster, wie die Jugendlichen und jungen Erwachsenen angeworben werden.

Es kann überall passieren: im Klassenzimmer, im Fitnesscenter oder bei Freunden. Offenbar sind es meist die „Freunde“, die der erste Schritt sind, der aus Jugendlichen, die vorher nichts mit Religion am Hut hatten, Alkohol tranken, auf Partys gingen, zum Umdenken verführt. In einigen Fällen werden sie von den vermeintlichen Freunden mitgenommen in die Moschee. Nach der Predigt geht es dann in eine andere Räumlichkeit – dort beginnt die eigentliche Arbeit. Gezielt wird geschaut, wer anfällig ist. Falsche Versprechungen über das Gelobte Land werden gemacht. Häufig wird den Jugendlichen keine Zeit mehr zum Nachdenken gegeben – permanentes Heißmachen, nicht zur Ruhe kommen. Dazu kommt der Gruppenzwang. Die Polizei wollte sich gestern aus ermittlungstaktischen Gründen nicht zur gezielten Anwerbung von Menschen in Kassel äußern.

Der Zeitraum der Gehirnwäsche ist eher kurz, Monate oder sogar nur wenige Wochen. Die Umgebung nimmt vor allem die äußerliche Veränderung war. Bart und Burka statt Party und Piercing. Freunde und Mitschüler wundern sich, brechen den Kontakt ab. Die Eltern reagieren – manchmal aber zu spät.

Dann also los. Ins Flugzeug Richtung Türkei oder mit dem Auto. Die Behörden, selbst wenn sie beobachten und von einer möglichen Ausreise wissen, sind aufgrund der Gesetzeslage machtlos.

Die Jugendlichen und Erwachsenen erhalten per Handy detaillierte Informationen, wie sie in die Türkei reisen sollen. Das Handy wird zerstört und Reisepässe werden zurückgelassen. An der Grenze warten bezahlte Schlepper, die die Deutschen von der Türkei nach Syrien bringen. Die Jugendlichen kommen ins Lager. Dort haben sie einen strikten Tagesablauf. Beten, arbeiten, beten, arbeiten – nur nicht zur Ruhe kommen. Das ist das Ziel des IS. Ob dort auch eine Ausbildung an Waffen stattfindet und der Umgang mit Sprengstoff erlernt wird, ist der HNA nicht bekannt. Das könnte auch in einem weiteren Lager geschehen. Wer flieht, setzt sein Leben aufs Spiel. Wer die Flucht schafft, hat oft genug einen Fußmarsch über mehrere Hundert Kilometer hinter sich. Sie kommen krank an – aus einem Traum ist ein Trauma geworden.

Hintergrund: Weniger als 40 Personen aus Nordhessen

Das Hessische Landeskriminalamt (LKA) teilte auf Anfrage mit, dass man keine genaue Zahl nennen wolle, wie viele Menschen sich aus Nordhessen derzeit in Syrien aufhalten. Die Zahl liege aber deutlich unter den 40 Personen, die der HNA mitgeteilt wurden. Dem LKA lägen aber Erkenntnisse zu Personen aus Nordhessen vor, die nach Syrien gereist seien, um dort zu kämpfen oder den Widerstand gegen das Assad-Regime zu unterstützen. Laut LKA liegen der hessischen Polizei zudem keine Erkenntnisse über mögliche Aktivitäten des türkischen Geheimdienstes in Kassel vor. Auch gebe es keine operative Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst.

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