Geschäftsführer der Drogenhilfe vermisst kritischen Umgang

Experte der Drogenhilfe über trinkende Jugendliche: „Erwachsene sind verantwortlich“

Kassel. Der Alkoholkonsum von Jugendlichen bleibt ein gesellschaftliches Problem – auch in Stadt und Landkreis. In unserem Interview erklärt Ralf Bartholmai, Geschäftsführer der Drogenhilfe Nordhessen, warum die Verantwortung bei den Erwachsenen liegt.

Herr Bartholmai, 2016 ist die Zahl der Jugendlichen, die in Stadt und Landkreis mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wurden, gegenüber dem Vorjahr um 25 Prozent gestiegen. Ist Komasaufen wieder in Mode?

Ralf Bartholmai: Alkohol ist nach wie vor die Droge Nummer eins – nicht nur bei Jugendlichen, auch bei Erwachsenen – und die Trinkgewohnheiten haben sich nicht wesentlich verändert. Der Erstkonsum ist immer noch sehr früh, bei etwa 13,8 Jahren, ausgehend von den messbaren Zahlen. Das sagt aber immer noch nicht, wie viele Jugendliche tatsächlich zu viel trinken. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich höher.

Warum fangen Jugendliche mit nicht mal 14 Jahren an, Alkohol zu trinken?

Bartholmai: Es gibt nicht den einen Grund, sondern viele. Zum einen besteht eine jugendliche Neugierde, sich mit dem zu beschäftigen, was erwachsene „Vorbilder“ auch tun. Alkohol ist mitten in unserer Gesellschaft und die Verfügbarkeit ist hoch. Erwachsene konsumieren relativ viel Alkohol, daran orientieren sich junge Menschen.

Und zum anderen?

Bartholmai: Alkohol ist in der Werbung immer noch sehr präsent. Es gibt Verbindungen zwischen Alkohol und Sport. Und mehr oder weniger alle gesellschaftlichen Veranstaltungen haben eine Verbindung zum Alkohol.

Widerstrebt das nicht einer modernen, gesundheitsbewussten Sozialisierung?

Bartholmai: Der Begriff, an dem sich Jugendliche orientieren, ist Lifestyle. Die Vorbilder in den Medien sind häufig die, die Jugendliche am intensivsten wahrnehmen. In dieser Szene gibt es viele Menschen, die von Alkohol- und Drogenmissbrauch betroffen sind.

Welche Unterschiede bestehen zwischen dem Alkoholkonsum von Jugendlichen 2018 und dem Anfang bis Mitte der 2000er, als Flatrate-Saufen und Alcopops ihre Hochzeit hatten?

Bartholmai: Die Einstiegsanlässe für junge Leute – Neugierde, Risikobereitschaft, Zugehörigkeit, die Suche nach dem Kick, Überwindung von Unsicherheit und Problemen – unterscheiden sich nicht wesentlich. Wir haben immer noch keinen wirklich kritischen Umgang mit der Volksdroge Alkohol in unserer Gesellschaft gefunden.

Wer trägt dafür die Verantwortung? Eltern? Schule? Die Jugendlichen selbst?

Bartholmai: Die Jugendlichen sind am wenigsten verantwortlich. Das sind wir Erwachsenen. Primär die Eltern, aber auch die Schulen und die Jugendhilfe und der Gesetzgeber. Wir sind die Generationen, die bestimmen, was in unserer Gesellschaft passiert. Und wir haben es immer noch nicht geschafft, Kinder und Jugendliche angemessen vor Alkohol zu schützen.

Was können Eltern tun?

Bartholmai: Die Frage ist: Gibt es so etwas, wie eine Alkoholkultur? Nehmen wir eine Kochshow, in der zu einem exquisiten Gericht ein passendes Glas Wein empfohlen wird. Dagegen ist nichts einzuwenden. Ein Glas Wein heißt noch nicht Vollrausch. Man muss lernen, kritisch mit Alkohol umzugehen und ihn in definierten kulturellen Zusammenhängen zu nutzen. Aber für Kinder und Jugendliche muss es ein hohes Maß an Schutz geben, gerade im Alter zwischen zwölf und 18, wenn sich die Persönlichkeit noch stark in der Entwicklung befindet.

Wie könnte so ein Schutz aussehen?

Bartholmai: Es bedarf einer realistischen und offenen Aufklärung. Das versuchen Fachverbände und Präventionsfachkräfte mit ihren Angeboten und Kampagnen. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen fordert schon lange „kein Alkohol unter 18“. Bei Tabak haben wir das konsequent durchgesetzt. Aber ein 14-Jähriger trinkt immer noch in Gegenwart eines Elternteils Alkohol.

Mit Verlaub, machen sich Jugendliche über solche Kampagnen nicht eher lustig?

Bartholmai: (lacht) Es wäre ungewöhnlich, wenn sie das nicht täten. Wir erreichen mit Prävention sicher eine große Gruppe, können das Problem damit alleine aber nicht lösen. Entscheidend bleibt, wie kritisch gesellschaftlich mit dieser Droge umgegangen wird. Wir haben eine intensive Diskussion um die Legalisierung von Cannabis, wir haben aber keine Auseinandersetzung darüber, wie zukünftig mit Alkohol umgegangen werden soll.

Welche Rolle spielen Drogen wie Cannabis und Crack inzwischen im Konsumverhalten Jugendlicher gegenüber Alkohol?

Bartholmai: Die Reihenfolge ist klar: Alkohol ist die Nummer eins, danach kommt Cannabis. Das ist auch die Droge, die uns in der praktischen Arbeit mit abhängigen Minderjährigen nach Alkohol am meisten beschäftigt. Es folgen synthetische Drogen, Amphetamine, bis hin zu Heroin. Heroin ist zwar deutlich zurückgegangen, aber nicht vom Markt verschwunden. Im Gegenteil: Wir beobachten, dass Heroin bald wieder eine Renaissance erlebt.

Seit 2008 Geschäftsführer der Drogenhilfe Nordhessen: Ralf Bartholmai.

Zur Person: Ralf Bartholmai

Ralf Bartholmai (60) ist seit 1986 in der Drogenarbeit tätig. Seit 2008 bildet der Diplom-Sozialpädagoge und Diplom-Sozialtherapeut gemeinsam mit Angela Waldschmidt die Geschäftsführung der Drogenhilfe Nordhessen. In seiner Freizeit fährt er leidenschaftlich gerne Motorrad und schießt Bogen. Bartholmai lebt mit seiner Frau in Ronshausen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Er hat zwei erwachsene Söhne.

Hintergrund: Präventionskampagne "HaLT" des Landes Hessen

„HaLT in Hessen“ ist ein Programm des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration (HMSI). Berater lokaler Suchtberatungsstellen suchen Jugendliche nach einer Alkoholvergiftung bereits im Krankenhaus auf. Dort finden sogenannte „Brückengespräche“ mit Eltern statt und es werden weitere Hilfsangebote gemacht. Auf kommunaler Ebene sollen Aufklärungskampagnen für verantwortungsbewussteren Umgang mit Alkohol sorgen. Das 2011 gestartete Projekt wird gemeinsam vom Land, den Krankenkassen, den Landkreisen und kreisfreien Städten finanziert und von der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) organisiert.

Weitere Infos: www.hls-online.org

Rubriklistenbild: © dpa

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